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Dienstag, 5. Juli 2016

FÅK

Dieses Jahr ist, mit Verlaub, ein echtes Scheißjahr. Politisch sowieso, gesellschaftlich gesehen, privat und jetzt auch noch im Nebenberuf. Ganz ehrlich, 2016, es reicht. Echt jetzt.

Mehr zu einem Aspekt hier.

Samstag, 2. Juli 2016

Wenn das Sommers Wolken ziehen ...

.. darunter konnte ich mir früher nicht viel vorstellen. Ich habe das Lied in der Grundschule gelernt - von einem Lehrer, der offensichtlich jugendbewegte Wurzeln hatte. Viele "seiner" Lieder habe ich später in meiner kurzen besuchsbündischen Zeit wieder getroffen.

Seitdem ich, seitdem wir im Sommer alljährlich nach Dänemark fahren, nach  Nordsjælland, genauer gesagt, haben die Sommerwolken Gestalt angenommen. Der herrliche nordische tiefblaue Sommerhimmel, die Weite, die Wolken ... mein Sommerzuhause.

Wir sind in diesem Sommer öfter als geplant im Norden, leider. Das Gefühl, dass alles falsch ist, hat sich verzogen Es ist wie es ist.





Nach zwei Wochen sind wir gerade wieder zurück gekommen. Haben dort kubikmeterweise Papiere durchgeblättert, entschieden, aufgehoben, entsorgt. Kleidung, persönliche Habseligkeiten, Kleinkram. Haben ein paar Tränen zerdrückt und auf dem wunderschönen Friedhof in Asminderød Photos und schlechte Witze darüber gemacht, dass der neue Grabsten noch nicht da liegt - "nach Diktat verreist". Das hätte ihr gefallen.




Wir haben ein herrliches Wochenende mit den alten Schulfreunden des Dänen verbracht, grandios gekocht, tolle Weine getrunken und als krönenden Abschluss ein geniales Dessert gegessen.





Salzkaramelleis, Holunderblüten-Mascarpone-Crème, marinierte Erdbeeren, Waldbeereneis, Macaronrasp. Inspiriert durch eine Dessertidee unserer Freundinnen von hundertachziggrad,  erweitert um das geniale Salzkaramelleis von schönertagnoch.



Dazu unsere 2011er Auslese aus dem Fürstenberg und eine 2006er BA von Lars. YESS!

Montag, 30. Mai 2016

Gefangen in einer Zeitblase

Erst kam Weihnachten, und damit verbunden, wie jedes Jahr, die Fahrt nach Dänemark. Zur Familie. Zur Familie von Lars, zur Mutter von Lars. Mittlerweile auch zu meiner Familie, irgendwie. Mit seinem Bruder und ein, zwei "Kindern" dabei.
Dann mussten wir unsere Weinberge schneiden, mehr Arbeit als früher, weil wir Parzellen dazu gekauft und gepachtet haben.
Dann gab es viel Arbeit im Büro, wenige freie Tage, keinen klaren Kopf für Postings in diesem Blog.
Dann fuhrem wir wieder nach Dänemark, Anfang April, weil wir es versprochen hatten.
Dann mussten die Reben gebogen und gebunden werden, Pheromone gehängt, es reichte noch nicht mal für die Teilnahme an einer Weinrallye, der Kopf  so voll, der Akku so leer.
Dann wollte Lars alleine nach Dänemark fahren, zu Besuch.
Und dann sind wir beide gefahren, ungeplant, überstürzt, das Herz schwer und die Gedanken weit, weit weg.

Und dann waren wir eine Woche lang wie in einer Zeitblase gefangen.
Saßen bei strahlendem Sonnenschein auf der Terrasse des Hauses nördlich von Kopenhagen, und es fühlte sich alles so verkehrt an.
Blätterten Ordner durch mit Rechnungen, Dokumenten, Bestätigungen.
Entdeckten vergessene Photoalben.
Telefonierten und arrangierten und holten den von der anderen Seite der Welt angereisten Bruder vom Flughafen ab, froh, nicht mehr ganz so allein zu sein.
Bestellten Blumen und Erdbeerkuchen, besuchten den Anwalt.
Fuhren ans Meer, dachten an die letzten Spaziergänge. Tränen in den Augen, immer wieder. Aber auch Freude über die vergangene Zeit, Dankbarkeit, ein Schimmer vom gelebten und erlebten Glück.

Sprachen mit dem Pfarrer, einem jungen Typen in Jeans und T-Shirt, mit fröhlichen Augen und warmer Stimme, der uns mit einfachen Fragen eine kleine Geschichte eines langen Lebens entlockte. Suchten Lieder aus, hoffnungsvolle, in denen von Sonne und Meer, vom Morgen und vom Licht gesungen wurde.
Freuten uns, dass die Kinder kamen, dass die Familie noch einmal zusammen war.
Deckten dem Tisch, brachen auf, trafen alte Freunde, schritten zusammen an der hellen Kirche vorbei über den  Friedhof, zwischen prächtigen Grabstätten, blühenden Bäumen und akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken hin zum Feld mit den schlichten Urnengräbern und der grauen Steinplatte, auf der jetzt erst ein Name stand. Hörten die Orgel oben in der Kirche anstimmen.
Bare få det hele overstået.


Trugen den schlichten weißen Sarg mit dem rot-weiß leuchtenden, duftenden Blumengesteck aus der Kirche, hintendrauf drei kleine Schaufeln Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Saßen auf der Terrasse, Erdbeerkuchen und Kaffee, Riesling, die Amseln jubilierten. Ein strahlender, sonniger, dänischer Sommertag, den sie geliebt hätte.

Jetzt ist alles anders, aber es wird irgendwann wieder gut. Irgendwie.


Mittwoch, 31. Dezember 2014

Weinrallye #81: Wir schenken uns reinen Wein ein

Ich bin spät dran, richtig spät. Draußen ist es fast schon dunkel, der Tag neigt sich dem Ende zu, das Jahr 2014 sowieso. Ich war in den vergangenen Tagen nicht besonders oft online, mir war es kurz vor Weihnachten einfach zuviel mit den gefühlten und den echten Tragödien, mit Leid und Selbstmitleid, mit Teilungswut und Teilnahmslosigkeit. Und ich bin natürlich ein Teil davon. Ein bisschen Verzicht hat ganz gut getan. Dazu kam, dass wir derzeit ohne WLAN und mit nur einem Laptop unterwegs sind - ja, das gibt es noch ;-). Und wenn die Prioritäten gerade so sind, wie sie sind, überlasse ich dem Liebsten seinem Modellbahnforum und lese meine heruntergeladenen Weihnachtsbücher auf. Eins habe ich noch.

Verzichtet haben wir im Großen und Ganzen auch auf Geschenke. Ein Buch nach Wunsch, ein selbstgekochtes Festessen, gute Weine, fertig. Umso mehr gefreut habe ich mich über einen Überraschungswein, den diese Weinrallye uns beschert hat. Ok, eine Überraschung mit Ansage.

Von wem er kam, wusste ich nicht, bis es am 2. Adventssamstag an der Tür klingelt. Wir sind auf dem Sprung ins Städtchen, Weihnachtsmarkt im Langwerthschen Hof mit Eröffnung durch den Posaunenchor, mittendrin unsere liebe Freundin Cantate aka Ronja Crescendo. "Hier ist Sven!" - "Komm rein!" Ich kenne keinen Sven. Doch! Klar kenne ich Sven Zerwas, den Stift!

Da steht er, in der Hand eine Flasche Rotwein. Merlot. Aus dem Württembergischen. Aha. "Franziska". Sagt mir nichts, aber auch überhaupt nichts. Aber wenn der Stift schon mal da ist, kann er gleich die Fassproben probieren, die wir am Morgen gezogen haben. Und so probieren wir und reden über das Jahr und den Herbst und über die Mühe und die Fäulnis und die Menge und die Qualität und den Projektwein. Und brechen überhastet auf, weil wir uns verquatscht haben und er weiter muss und wir ja sowieso ins Städtchen ...

Den Wein probieren wir, bevor wir ihn googeln.
2010 "Franziska", Merlot, im Barrique vergoren. Weingärtnergenossenschaft Aspach.
Etwas verhaltener Duft nach reifen roten Früchten, Sauerkirchen, Pflaumen, weich und samtig. Im Mund rund und saftig, hinten raus leicht austrocknend. Zarte Süße - Holz und Alkohol -, samtig und schmeichelnd.

Der Wein hinterlässt uns etwas ratlos. Gut gemacht, ja, aber da fehlt in bisschen Substanz, ein bleibender Eindruck.Wir stöpseln einen Vinolok auf die Flasche und stellen sie zurück in die "Später probieren"-Ecke.


Aus "später" werden zwei Tage. Dann schenken wir uns jeder ein weiteres Glas ein. Und siehe da: Franziska strahlt! Was verhalten anklang, tritt jetzt in den Vordergrund. Viel mehr Körper, gut eingebettete feine Säure, geschliffenes Tannin. Schöne Überraschung!

Und  beim Googeln finde ich dann auch noch heraus, dass dieser Wein von einem Nebenerwerbswinzer gemacht wurde, einem Verrückten, wie wir es sind, nur, dass Thomas Hentschel ausschließlich Rotwein produziert.

Ein gut gewählter Wichtelwein - Danke dafür - und Danke an Susa, die mit dieser Weinrallye und uns allen zusammen das Jahr 2014 beschließt. Auf ein neues, ein gutes, ein besseres Jahr. Skål!

Und: Godt nytår!




Donnerstag, 20. März 2014

Usselig? Hyggeligt! Æbleskivertid!

(Usselig - westfälisch/norddeutsch für eklig, unangenehm, unschön. Hyggeligt - dänisch für gemütlich, nett, warm, vertraut. Æbleskivetid - Aebleskiverzeit!!!)

Ich bin bekennende Winterhasserin. Gut, es muss nach einem langen goldenen Oktober auch mal kalt werden.
Meinetwegen.
Ist ja auch gut für die Natur. Und so.
Meinetwegen.
Weiße Weihnacht, Gänsebraten, Grünkohl, Rotweinfondue. Ein paar Tage klirrende Kälte, ordentlich Schnee und blauer Himmel.
Meinetwegen.
Dann ist es aber auch echt gut! So weit die Idealvorstellung.

Tatsächlich herrscht hier aber gefühlt von Mitte November bis mindestens !!! Mitte März graunasskaltes Matschepampeschlechtelaunewetter. Pfui. Mit ein bisschen Glück auch noch mit sibirischer Kälte und ewigem eisigen Nordostwind garniert. Doppelpfui.

Da trifft es sich gut, dass Bushcook zu ihrem Bloggeburtstag zu "Soulfood" aufruft. Wenn es draußen schon scheusslich ist, lässt es sich drinnen bei wärmendem, tröstlichen Essen deutlich besser aushalten. 

http://www.bushcook.de/2014/02/3-jahre-bushcooks-kitchen-gratulieren.html Soulfood, das ist für mich ...
Hühnersuppe, logisch. 
Spaghetti carbonara (OHNE Sahne).
Rührei mit Krabben.
Selbstgemachter (ach!) Kartoffelbrei mit brauner Butter.
Erbsensuppe mit Grießklößchen.
Ewig geschmortes Gulasch.
Alles wenig originell und wenig photogen.

Und, seit einigen Jahren, Æbleskiver.
Das fünfte oder sechste dänische Wort, das ich lernte, die unaussprechliche Köstlichkeit kannte ich schon vorher.
Æbleskiver, kleine, pfannenwarme Küchlein, ursprünglich mit Apfelstückchen gefüllt, gebacken in einer speziellen Pfanne, die der holländischen Poffertjespfanne oder dem deutschen Pendant für Pfitzauf oder (P)Förtchen gleicht. Gusseisen, sieben bis neun Löcher.
Eine relativ unsüße, dampfend warme Köstlichkeit, die wunderbar mit Puderzucker, Marmelade, Vanilleeis und einer nicht zu süßen Auslese harmoniert und mit der man unkompliziert Heerscharen gieriger Teenager abfüttern kann.

Das perfekte Wintersoulfood.

Was mich zum Winter zurück bringt, der keiner war.
Der Panther hatte schon im Oktober den denkbar dichtesten Winterpelz, aber ab Mitte Februar mühte er sich sichtlich, ihn los zu werden. Wir waren so früh wie noch nie mit dem Rebschnitt fertig, und so früh wie noch nie mit der Zeit im Nacken. Und so nutzen wir mit diesem Wochenende die wohl letzte Gelegenheit des ersten Halbjahres 2014, Wintersoulfood auf den Tisch zu bringen.

Æbleskiver fast nach Fräulein Jensen

Fräulein Jensen ist jedem Dänen ein Begriff, und vielen Deutschen auch, vor allem denjenigen, die sich in einem der großen deutschen Kochforen herumgetrieben haben. Ich bin durch besondere Umstände in den Besitz einer älteren Ausgabe dieses dänischen Standardwerks gelangt, das an den entscheidenden Stellen (Pankager/Aebleskiver/ Schweinebraten / Lammbraten ) gewisse Gebrauchsspuren aufweist. Erstaunlicherweise wirken die Seiten mit den vegetarischen (ok, damals hieß das "fleischlosen") Hauptgerichten geradezu jungfräulich.

Die Dessertabteilung ist dagegen ordentlich vollkleckert, Fettspritzer, Teigreste, alles, was das Herz begehrt. Und für fast jeden Klassiker mindestens zwei Grundvarianten, die wir aus Erfahrung in diesem Fall durch eine dritte ergänzt haben.
 
 



Æbleskiver III


200 g Mehl
2,5 TL Backpulver
1 EL Zucker
1 gute Prise Salz
200-250 l Schlagsahne
50 g geschmolzene, lauwarme Butter
4 Eier, getrennt
1 Messerspitze Vanillemark
feingeriebene Schale von 1/2 Biozitrone, besser: 1/4 Biozitrone und 1/4 Bioorange
ein beherzter Schuss Orangenlikör

zum Servieren
Puderzucker
Marmelade (gerne gute Orangenmarmelade)
Vanilleeis
etcpp.

Mehl, Backpulver, Zucker, Vanillemark und Schalenabrieb mischen, mit den Eigelben und der Butter sowie etwas mehr als der Hälfte der Sahne und dem Likör verrühren. Eiweiß mit Salz steifschlagen und unterziehen. Ggf so lange mehr Sahne unterrühren, bis die Masse etwas flüssiger als ein normaler Rührteig, aber deutlich fester als ein Pfannenkuchenteig ist.

Die Backform mit ganz wenig Butter auspinseln, erhitzen, in jede Mulde bis ca. 4 mm unter den Rand Teig einfüllen. Bei mittlerer Hitze backen, die Teigstücke mit Hilfe einer Gabel wenden, wenn die Kruste unten fest genug geworden ist und der Teig oben nicht mehr flüssig ist. Fertig backen, auf einem Teller im Ofen bei 80 Grad warmhalten, bis der gesamte Teig verbacken ist. Warm servieren, sofort essen und entweder eine Tasse echte heiße Schokolade oder ein Glas Auslese dazu genießen.

Das macht glücklich, Glückwunsch!

Dienstag, 17. Dezember 2013

180° Adventskalender: Nach Diktat verreist

http://hundertachtziggrad.blogspot.de/ Tannenzweige. Rote Kerzen. Plätzchenteller. Gänsebraten. Glühwein. Volle Innenstädte, Weihnachtsmärkte. Wunschzettel, Geschenke! Und, meinetwegen, Schnee. Das ist Advent, das ist Weihnachten. 
Und nichts, aber auch gar nichts davon habe ich mir dieses Jahr angetan. Nichts dekoriert, keinen einzigen Keks gebacken, die paar “Geschenke” in der Buchhandlung mV bestellt, fertig. Weihnachtlich ist mir trotzdem, denn zu Weihnachten gehört, neben all dem Schnickschnack, musikalisch klebrigsüß aus der Retorte untermalt, das Reisen.
So wie die Weihnachtsgeschichte eigentlich auch die einer Reise ist, alle reisen sie, das Paar, die Hirten, der Stern, die Könige, die einen kürzer, die anderen länger, und sie kommen an und feiern.


Solange ich denken kann, sind wir zu Weihnachten quer durch Frankreich und Deutschland gefahren. Nicht wirklich verreist, bewahre, aber ein, zwei Tage vor dem Fest wurde das Auto bis unters Dach vollgepackt und dann brach die Familie - unsere Eltern, wir zwei Kinder, ein, zwei Katzen - auf, um “nachhause” zu fahren, nach Bothfeld und Isernhagen, wo die Großeltern wohnten.
Lange Fahrten waren das, anfangs fast 1100 Kilometer, mehr als zehn Stunden. Wenn wir ankamen, war es schon dunkel, aber meine Großmutter hatte eine Topf ihrer legendären Hühnersuppe auf dem Herd, schlaftrunken setzten wir Kinder uns auf die alte, plastikriffelrot bezogene Eckbank und löffelten die herrliche heiße Suppe. 

Und so ging es weiter, die anderen Großeltern wollte besucht werden, wattegraue Tage, Kaffeetrinken im plüschigen winzigen Wohnzimmer von Omma und Oppa, riesige gestickte Gobelins an den Wänden, üppig wuchernde Orchideen auf der Fensterbank und ein Telefon in gehäkelter Schutzhülle auf dem Tischchen im Flur, eine Reise in eine andere Welt. Zu später Stunde stieg Oppa hinab in den Keller, um eine Flasche seines geliebten Frankenweins zu holen, und wir Kinder liefen mit, sprachlos angesichts der Schätze, die dort in seinem "Büro" lagen - selbstgebastelte Lampen aus leeren Bocksbeutelflaschen, Briefpapier aus Birkenrinde, bemalte Baumwurzeln und seltene Steine.
Und nach Weihnachten wurde das Auto wieder bepackt, diesmal noch voller, und es ging zurück nach Hause, ins andere Zuhause. Dass das Ziel und das Wunderbare dieser Weihnachtsreisen gar nicht so sehr das Ankommen war, habe ich erst viel später gespürt.


Reisen sind für uns Geschenke, und zwar ganz wunderbare, weil wir meist vorher nicht genau wissen, was uns erwartet. Vor zwei Jahren haben wir uns kurzentschlossen im September ins Auto gesetzt und sind 1100 Kilometer nach Süden gefahren, in mein geliebtes Chianti Classico.
Auf der Fahrt gerieten wir in einen heftigen Wintereinbruch und schlichen den Brennerpass durch 20 Zentimeter Neuschnee hoch - natürlich mit Sommerreifen -, während rechts von und reihenweise die Bäume unter der Schneelast über die Bahnstrecke knickten. Mehr als abenteuerlich, diese Fahrt, und am Ziel erwartete uns herrliches Spätsommerwetter. Wir haben in einer winzigen Pension gehaust, Weingüter besucht, eine knappe Woche nur, aber reiche, volle Tage, einzigartig, unbestellbar, unbezahlbar.
In diesem Jahr sind wir kurz vor der Adventszeit eher zufällig in die Planung für ein Wildschweinessen an der Mosel hineingerutscht. Ein gutes Dutzend Leute, von denen wir nur zwei kannten, alles Weinmacher und -menschen, ein großes Weingut mit Übernachtungsmöglichkeit, die Aussicht auf gutes Essen und große Weine, ein Wochenende Anfang Dezember. Eine Reise, eine kurze, aber vielversprechende.
  Es wurde, um es kurz zu machen, ein großartiger Abend mit einem großartigen Gastgeber - Danke, Gernot! - und unglaublich freundlichen, offenen, interessanten Mit-Gästen. An diesen Abend werden wir uns noch lange erinnern, wenn wir längst vergessen haben, was es diesmal zu Weihnachten an Geschenken gab. Diese Reise, dieser Abend - ein großes Geschenk, eins von denen, die man sich nicht selbst machen kann, weil es dazu anderer bedarf.
Uns erwartete nach dem Aperitif in der Küche eine lange, festlich gedeckte Tafel, ein kleines Menü aus nussigem Rotkohlsalat vorweg, phantastischem Wildschweinrücken mit Grünkohl, Sauerkraut und würzigem Aligot, zum Abschluss Crème bavairoise mit marinierten Orangenfilets. 



Getrunken wurde neben mitgebrachten Schätzen wie diversen Champagner- und Sektflaschen vor allem Pinot Noir, große Namen standen da auf dem Tisch, aber beeindruckt hat mich vor allem einer, einer der ersten.




2007er Spätburgunder Auslese trocken
Graacher Himmelreich
Barrique
Weingut Günther Steinmetz 
13,5%

Reife, kühle Frucht, Schwarzkirsche und dunkle Beeren, leicht süßliches, gut eingebundenes Holz.

Mineralische Unterlage, spürbare Säure, ordentliches Tanningerüst, alles sehr fest und straff, gute Länge. Ein Wein, der sich einprägt, der einzige, den ich am Tisch mit dem Handy photographiert habe, daher die mäßige Bildqualität.

Über die Spätburgunder von Stefan Steinmetz wurde ja in den letzten ein, zwei Jahren schon viel geschrieben. Ich habe Weine und Winzer erst jetzt kennen gelernt und bin - beeindruckt.

Kaufen kann man den 2007er nicht mehr, für sehr empfehlenswert halte ich aber (u.a.) den 2009er Kestener Herrenberg Spätburgunder unfiltriert. 

Und für alle, die mich und uns kennen und sich wundern, dass es hier nur um Rotwein geht: Natürlich haben wir spätabends auch noch Reparaturriesling getrunken.

Reparaturriesling, den packen wir auch ein, wenn es demnächst wieder auf die Reise geht. Weihnachtszeit ist Reisezeit, immer noch und immer wieder, es geht weit nach Norden, wieder 1100 Kilometer. Und wieder wollen Familie und Freunde besucht und beglückt werden, wieder werden wir viel unterwegs sein. Auf der Hinfahrt machen wir Station bei einer lieben Freundin, die wir - wenig überraschend - auf einer dieser halbspontanen Wochenendreisen mit ungewissem Ausgang kennen gelernt haben, nachhause geht's - wie vor vielen Jahren - über Bothfeld und Isernhagen. Auf lange Sicht ändert sich gar nicht so viel.

Und, ja, wir nehmen sicher auch ein paar Geschenke mit, aber was wir bekommen und mit zurücknehmen, lässt sich nicht in Glanzpapier wickeln und unter den Baum legen. Und so langsam freue ich mich auf die Reise - es wird Weihnachten.

Montag, 4. Februar 2013

Ey, Schnecke!

Auf der Liste der am meisten überschätzten Kochaktionen steht eine bei mir ganz weit oben.
Backen.
Brot backen oder Seelen backen oder Waffeln, ok, meinetwegen.
Kuchen backen .... ohje. Torten? No, Sir! Und neckisches Kleingebäck schon dreimal nicht.
Nein, auch keine Weihnachtsplätzchen.
Ich bin zur staatlich anerkannten Backniete mutiert.

Dabei geht es mir wie Astrid, als Jugendliche habe ich meine Familie jeden Sonntag mit einer kunstvoll verzierten Torte verzückt, zu Weihnachten 17 (!!!) Sorten Plätzchen produziert, die rationiert an den Adventssonntagen zum Kaffee gereicht wurden, ich sage nur, Baseler Leckerli ... und dann kam die erste Studentenbude, dann fand ich es grausam, dass an gruseligengemütlichen PärchenSpieleabenden Chili mit Knaggifix gekocht wurde, dann entdeckte ich Italien als heimliche Heimat, und fortan stellte ich das juvenile Teigrühren und Sahnespritzen ein und KOCHTE.

Nach Gefühl, nach Rezept, nach Kochbüchern großer Könner. Ich besitze genau EIN, falsch, seit letztem Sommer DREI Backbücher. Und ungezählte Kochbücher, wenn auch sicher nicht so viele wie Dorothée. (Exkurs: Trotzdem eigentlich zu viele, um irgendwann einmal umzuziehen.)

Aber wie es das Schicksal will, kommt der Hospitant aus dem Land, in das seinerzeit Konditoren aus der KuK-Monarchie die Rezepte für feinstes Plundergebäck getragen haben. Wienerbrød heißt dort das, was bei uns unter dem Namen "Kopenhagener" bekannt ist.

Wienerbrød, das sind Kringle, Spandauer, Brunsviger und Snegle. Snegle sind Schnecken, die gibt es mit Zimtzucker, Rosinen, Schokolade, Blaubeeren, Rumglasur ... Schnecken halt.

Dummerweise stolperte ich beim Surfen unlängst über eine Seite mit einem wunderbar anmutenden Kanelsnegle-Rezept. Kardamom im Teig, Zucker und Zimt in der Füllung, eine kurze Nachfrage ergab: Ja, das mag der Mann. Hm. Ich bin zwar eine Backniete, aber ich habe schon noch einen Funken Ehrgeiz im Leib.

Projekt: Danske Kanelsnegle. Rezepte wälzen. Frøken Jensen hat die Sparvariante ohne Eier und mit Margarine. Hm. Das verlinkte Rezept ist echt fett. Birthe Karen Jensen favorisiert echten Plunderteig.
Eingekauft ist, Sonntagmorgen ist auch, und ich stelle fest: das Birthe Karen Jensen Rezept ist zwar toll, aber SO aufwändig, dass das heut nix mehr wird. Accidenti!

Ich erzähle an den Fässern von meiner Teilniederlage und Gabi Würtz schwärmt sofort: "Zimtschnecken! Ich les' ja gerade diese ganzen skandinavischen Krimis und da essen alle ständig Zimtschnecken!" Stimmt. Könnten wir auch. Ich müsste einfach nur mal welche backen. DIE KANN MAN HIER NÄMLICH NICHT KAUFEN. Macarons und Co., klar, ich sage nur: Florian Köller. Aber banale Hefezimtschnecken? Projekt vertagt.

Same place, eine Woche später. Ich schäle mich frühmorgens aus dem Bett und setze Hefeteig an. Staune über die hohe Hefemenge, staune über die viele Butter und die Sahne und gebe mehr Hefe dazu. Frage mich, ob dieser klebrige schwere Brei je gehen wird. Knete noch etwas Mehl unter.

Verknete viel, viel weiche Butter mit Muscovadozucker und Zimt.

Lupfe das Tuch von der Teigschüssel. Hm.

Werfe Rosinen ins Calvadosbad. Koche endlich erst mal Kaffee.

Heize den Ofen auf 225° vor, rolle den Teig aus, bestreiche, rolle auf, schneide und verteile auf Backpapier. Sieht gar nicht übel aus. Erstes Blech wandert in den Ofen WELCH EIN DUFT!
Aus der zweiten Portion werden größere, dünnere Schnecken. Erste Portion ist fertig, ich lerne, was ich eigentlich wusste: Flüssige Zucker-Butter-Masse ist VERDAMMT heiß und klebt an Kochlöffeln wie'd Sau. Abkühlen lassen ist schlauer, dann fallen die Dinger auch nicht auseinander.

Stunden später (ok, eine). Wir an den Fässern. MIT Schnecken. Zimtschnecken. Dänischen Zimtschnecken.
Die erste kriegt Romy, die zweite der Wertz. Der inhaliert das Ding. Die nächsten gehen auch weg, die letzten liegen eingepackt hier.








Zimtschnecken backen. Ey, geht doch, Schnecke!
Ach so: Und zwar genau SO.

Teig:

400g Mehl (möglichst Manitoba)
35 g Hefe
200g Butter
100 ml Sahne
100 ml Milch
1 Ei
1/2 Tl Salz
1 Tl gemahlener Kardamom
50 g Zucker

Mehl sieben, mit Kardamom und Salz mischen. Sahne und Milch erwärmen, Hefe darin auflösen, Zucker zugeben. Weiche Butter und Ei zum Mehl geben, Hefe-Milch-Mischung dazu, alles verkneten. Ggf. Mehl zugeben, der Teig darf nicht mehr NUR klebrig sein. 40-80 Minuten gehen lassen, das Volumen sollte sich verdoppeln.

Füllung
200 g Butter
100 g heller Muscovadozucker
50 g Haushaltszucker
2 TL Zimt

1-2 Eigelb zum Bestreichen

Weiche Butter gründlich mit Zucker und Zimt verkneten.

Teig rechteckig ausrollen, nicht zu dünn mit Füllung bestreichen (mein erster Versuch: ca. 5 mm Teig, ca. 3 mm Füllung), aufrollen, in Scheiben schneiden, auf  Backpapier aus Backblech setzen, leicht eindrücken, mit verkleppertem Eigelb bestreichen.
Backen.


Abkühlen lassen. Essen. Aber zackig!



Freitag, 25. Januar 2013

Weinrallye #59: Exotische Weine / Sein oder nicht sein - Wein im Staate Dänemark

Weinrallye #59Wein aus Dänemark? Und Ananas aus Kanada. Für viele deutsche Weinliebhaber klingt das zunächst wie ein Witz. Was die wenigsten wissen: Dänemark verfügt über Pflanzrechte für 99 Hektar Weinberge. Und es gibt dort bereits 55 Weingüter, die kommerziell produzieren und vermarkten. Dazu kommen Dutzende Hobbywinzer mit Mikro-Rebflächen, die ihre Weine nicht verkaufen dürfen. Dänemark, ein Weinland der Zukunft? Eine Momentaufnahme aus dem Sommer 2012.




Wer etwas über modernen Weinbau in Dänemark wissen will, kommt an Lars Hagermann nicht vorbei. 1975 importierte der gebürtige Schwede und begeisterte Weinliebhaber die ersten Weinreben aus Franken und pflanzte sie in der Nähe des Städtchens Ålsgårde auf Seeland, 50 Km von Kopenhagen an der Nordküste gelegen. In den 80ern vergrößerte er die Rebfläche sukzessive und gründete schließlich 1998 das Weingut „Domain Aalsgaard“


Auf knapp 0,7 Hektar stehen inzwischen rund 2.000 Rebstöcke – ausschließlich weiße Sorten. Frühreife Neuzüchtungen, die auch in Deutschland kultiviert werden, wie Ortega, Kerner und Siegerrebe, aber auch die hierzulande eher unübliche Madeleine Angevine sowie, seit 2005, auch Solaris.

Das Zeitfenster für die Wachstumsperiode ist in Dänemark viel kleiner als in unseren Breiten, die Blüte beginnt später, die Reifephase läuft trotzdem selbst für die „frühen“ Sorten bis in den Oktober. Doch das milde Klima durch die Nähe zum Meer begünstigt den Weinbau, Hagermanns Weinberg „Højbjerg“ – zu deutsch: Hochberg - liegt zudem in einer perfekten Südhangausrichtung. Vorwiegend Lösslehm, zur Talsenke hin auch etwas Kalkstein - Steillage auf dänisch.

Lars hat seinen Weinberg eingezäunt – nicht der Wildschweine wegen, sondern, um Spaziergänger abzuhalten, die gerne ein paar Trauben „probieren“. Ein Warnschild soll auch übermütige Jugendliche fernhalten – mit Erfolg.

Ausgebaut werden die Weine in Edelstahl-Schwimmdeckeltanks. Vier Stück à 300 Liter, dazu einige Glasballons, eine kleine Füllanlage, ein Minilabor. Eine Puppenküche im Verhältnis selbst zu kleinen deutschen Weingütern.

Was als „verrücktes“ Projekt begann, hat längst Rennomé – nicht nur in Dänemark. Der Jahrgang 2009 geriet zum Erfolg. Hagermanns Madeleine Angevine, gelesen Mitte Oktober mit 86 °Oechsle und 7,7 Gramm Säure, wurde 2012 auf dem Nordseeland-Gourmet-Festival als „Bester Weißwein des Jahres“ ausgezeichnet  und setzte sich gegen Konkurrenten aus Deutschland, Frankreich und Deutschland durch. Fast 20 Euro kostete die 0,5-Liter-Flasche – für deutsche Verhältnisse horrende Preise, für dänische Weine eher die Regel als die Ausnahme.

Verkosten können wir aus dem Nachfolgejahrgang Madeleine Angevine, Solaris und Ortega.
Die Weine sind allesamt sehr säuregeprägt, fallen aber auch durch eine deutliche mineralische Note auf.

2010 Madeleine Angevine
Trocken
Domain Aalsgaard
Regionaler Wein aus Seeland
10%
Frischer Duft, Zitrusfrüchte, weiße Blüten, ein bisschen weißfleischige Melone. Auf der Zunge knackige Säure, packende, präsente Frucht, mineralische Noten, feste, gute Länge.

2010 Ortega
Trocken
Domain Aalsgaard
Regionaler Wein aus Seeland
10,5%
In der Nase säuerliche Quitte, etwas Muskatblüte, ein bisschen Birne. Im Mund säuerliche, etwas verwaschene Frucht, Birne Quitte, etwas Bienenwachs. Schöne Länge.

2010 Solaris
Trocken
Domain Aalsgaard
Regionaler Wein aus Seeland
10,5%
Der Wein, mit dem wir am wenigsten klarkommen. Etwas vordergründiger Maracujaduft, frisch, aber nicht übermäßig komplex. Auf der Zunge kernig, ein bisschen rustikal, würzige Noten.

Lars Hagermann empfiehlt seine Weine zu Fisch- und Schalentiergerichten, Nordisk Cuisine, und die dänischen Top-Restaurants haben Domain Aalsgaard selbstverständlich gelistet – neben Weingütern wie Klaus-Peter Keller. Uns serviert er ein Smorrebrod mit gebratenem Ziegenfrischkäse und Bärlauchblüten – und hat auch noch einen Restauranttipp parat. Das „Café Nord“ in Ålsgårde, auf Seeland bekannt als das „kleine Noma“. Exzellente Küche zum vernünftigen Preis.

Zurück zum Weinbau. Die 55 „offiziellen“ Weingüter werden größtenteils im Nebenerwerb betrieben. Dazu kommen noch Hunderte Hobbywinzer, die auf Mikroflächen Reben anbauen.

Kurt Zangenberg hat hinter seinem Haus in Snekkerup einen Weinberg angelegt – 0,4 Hektar klein. Darauf stehen: Rotweinreben. Denn Zangenberg ist „rotweinverrückt“. Wie die meisten Dänen, meint er. 
(Kurzer persönlicher Zwischenruf: Kann ich so nicht bestätigen ...) Léon Millot und Rondo hat er 2005 gepflanzt. Die Reben werden vergleichsweise stark angeschnitten, zwei Bogen, nur ein KiloTrauben je Stock.Der Boden ist in den vorderen Reihen sandig, nach hinten wechselt er zu kiesigem Ton. Das gibt den Weinen einen kräftigen Touch – sagt der Winzer. 



Der Keller: Ein ehemaliger Pferdestall. Die Trauben werden entrappt, in Edelstahltanks fermentiert, durchlaufen eine malolaktische Gärung. Wenn es genug Trauben gibt. Die Bilanz des Jahrgangs 2011: 10 Liter Rondo. Ein kleiner Glasballon.
2010 sah es etwas besser aus, wenn auch mit exorbitanten Säurewerten, die eine Doppelsalzentsäuerung nötig machten. Normalerweise baut Zangenberg die Rotweine sortenrein aus, 2010 gab es auch eine Cuvée.

Wir probieren:

2010
Léon Millot
Gelesen mit 64° Oechsle und 15,2 Gramm Restsäure. 50 Liter Ausbeute. Entrappt, maischevergoren, sieben Monate im Fass ausgebaut – in der sechsten Belegung.
In der Nase Gewürze, schwarzer Pfeffer, wild, fleischig, animalisch, darunter mischen sich mit mehr Luft süßliche Noten. Reife rote Pflaume, Maulbeere, Lebkuchengewürz.
Auf der Zunge fest und straff, rotes Fleisch, Leder, Mokkaschokolade, gute, feste Länge, aber nicht fett und sättigend.

2010
50/50
Léon Millot&Rondo
In der Nase reife schwarze Beeren, Leder, leicht flüchtige Töne, torfige Noten.Auf der Zunge straffe, austrocknende Frucht, gute Säure, schönes Tanningerüst, ziemlich elegant, dabei komplex mit guter Länge.

Ja, wir reden von Rotwein aus Dänemark. Hochinteressant, zu Unrecht unbekannt und wenn bekannt, dann unterschätzt. Noch sind es Orchideenprojekte – aber der Erfolg gibt ihnen jetzt schon Recht.

Zum Abschluss des Schnappschusses zieht es uns doch noch einmal zu einem Weißweinwinzer.

Wobei Kim Møllebro Hansen auch Rotwein im Sortiment hat. Sein Weinberg liegt ebenfalls auf Seeland.
Im Portfolio: Zalas Perle, Cabernet Cortis, Leon Millot. Und Regent. Ursprünglich.
Umgeben von Flieder- und Nussbäumen stehen auf 500 Quadratmetern zehn Reihen à 50 Meter. In der ersten Zeile gibt es erfahrungsgemäß fast keinen Ertrag – der Wind, die Wildtiere, der feuchte Wald.
Dann kommen die Hoffnungsträger. Leon Millot, mittlerweile 100 Stöcke, 30 Stock Cabernet cortis, drei Reihen Rondo. Ursprünglich stand hier Regent. Acht Jahre hat Kim damit experimentiert, die Stöcke wollten und wollten sich nicht eingewöhnen. Zu schwer der Boden, zu viel Sturm und Regen, „sie fühlten sich nicht wohl“, bilanziert der Winzer. Und dann kam jemand aus Korsør, aus der Stadt am Fuß der Großen Beltbrücke, der kaufte die Stöcke, grub sie aus und pflanzte sie auf eine kleine Insel im Belt. Und dort, so berichtet er, wachsen und gedeihen die Reben – dort fühlen sie sich offenbar wohl.

Hier probieren wir den letzten Wein unserer dänischen Momentaufnahme.

2010
Zalas Perle
Bedsted
12%

Duft nach Kiwi, Honigmelone, Orangenblüten und Akazienhonig.
Auf der Zunge schöne, trockene Frucht, Zitrus, rosa Grapefruit, Anklänge von Akazienhonig. Dezent unterlegt von Säure (immerhin 8,6 g!), leicht und zart wirkend, hintenraus nussige Töne mit einem leichten Bitterchen.

Sechs dänische Weine, ein Schnappschuss, mehr nicht. Aber einer, der neugierig macht auf mehr.





Freitag, 28. Dezember 2012

Weinrallye #58: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft - es gibt Rotweinfondue!

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft - ein schönes Motto, das der Winzerblog in Gestalt von Thomas Lippert da vor Weihnachten in die Runde warf.
Wein verschenken, bekommen, probieren, trinken, verbloggen.

Rechtzeitig vor dem Fest kam "unsere" Flasche aus Österreich, genauer gesagt, aus dem Burgenland.

Rotwein. Blaufränkisch. Ich bin ja eher Weißweintrinkerin, Lars ist da nicht ganz so farbenblind.
Also Rotwein. Super! Wir wollten längst mal wieder Rotweinfondue machen!




Liebe Leser, Ihr könnt die Schnappatmung jetzt wieder einstellen, kuckuck, das war ein Sche-herz, jedenfalls fast. NATÜRLICH mache ich aus einem 2009er Leithaberg vom Mörbischer Goldberg aus dem Burgenland von Bernhard Fiedler keinen Glühwein, kein Rotweingelee und keinen Fonduefond. Liebe Kinder, diesen Scherz bitte nicht nachmachen, jedenfalls, wenn es um Bordeaux und die Cheffin von Leo geht ... also, alles gut.

Rotweinfondue stand aber tatsächlich schon länger auf dem Plan.
Ich kannte bis vor einiger Zeit Käsefondue, Fondue bourguignonne, Fondue chinoise, meinetwegen noch den Mongolischen Feuertopf.
Rotweinfondue, davon erzählte der Hospitant zum ersten Mal.
"Rotwein mit einem Laubeerblatt und einem Timiandusk. Dazu leicht geräucherte Hamburgerrücken in dünnen Scheiben ohne Fettrand und fehlerfrei."

Ja, ich fand das genau so absurd wie Ihr. Bis ich es Weihnachten vor einem Jahr in Fredensberg serviert bekam. Ein bisschen Brot, ein paar Sößchen, etwas Salat, Leute, das ist lecker!

Und darum war es jetzt Zeit für Rotweinfondue. Zu meiner Ehrenrettung: Wir haben einen anständigen, stoffigen 2010 Corbières besorgt, einen Wein, den man absolut auch einfach nur trinken, aber eben auch für den Fond für ein Rotweinfondue verwenden kann, ohne Schnappatmung zu kriegen.

Dazu Lorbeerblatt, Thymian und Rosmarin.
Gepökelter, leicht geräucherter Schweinelachs (also rohes Kasseler).
Sowie die Fonduesauce, deren Rezeptur fernmündlich just in time übermittelt wurde.

200g Crème fraîche (Original: Saure Sahne 18% Fett)
1/2 Teelöffel Dijonsenf
evtl. 1/2 Teelöffel geriebene rohe Zwiebel
Salz, Pfeffer
50 ml Mayonnaise

Ich nahm weniger Mayo und keine rohe Zwiebel (brrrrrr), dafür mehr vomm göttlichen Bratar-Dijonsenf, Mélange blanc und einen guten Spritzer Zitronensaft.



An die Waffen Gabeln!

Ein Pfund Kassler später waren wir satt, der Wein alle, alle glücklich, rotweinselig und zufrieden.

Und jetzt kommt die zweite Ehrenrettung: NATÜRLICH, liebe Leser, haben wir den Wein nicht erst zu dieser Gewürzbombe geöffnet und probiert, sondern schon am Vorabend.
Was glaubt Ihr denn!




2009
Leithaberg
vom Mörbischer Goldberg
Burgenland
Grenzhof Fiedler
13,5% 

In der Nase pfefferig, saftige rote Pflaume, rote Beeren, kühle Mineralik. Leder, zartsüßlich, Zimtblüte, Walderdbeere, sehr konzentriert, feine Graphitnoten.

Auf der Zunge stoffig, mit viel Biss. Süßliche, reife Frucht, festes, straffes Tannin. Viel Spannung, Kräutertöne, Tannenhonig, gute Länge.

Was isst man dazu? Wildgeflügel, Fasan, Reh, vielleicht auch ein Rehwellington mit feiner Duxelles.

In jedem Fall ein fester, packender Wein, kein vordergründiger Schmeichler.

Mit mehr Luft wird er "waldiger", Noten von Wildleder und Unterholz kommen durch.

Tag 2.

Sehr viel kakaoiger in der Nase, der Alkohol - 13,5% - deutlicher im Vordergrund. Der Wein wirkt mineralischer, aber nicht mehr so harmonisch wie am ersten Tag.

Und, surprise, surprise, er steckt den Rotweinfond und das Kassler Fleisch und die Senfsauce echt gut weg. Fein!

Alles in allem - ein wunderbarer Wein, der einer eingefleischten Weißweintrinkerin und einem Gelegenheitsrotweintrinker zwei schöne Abende beschert hat. Wenn es den noch gibt - kaufen! Trinken!

Und: DANKE!!!



Montag, 5. November 2012

Smørrebrød: Æg med rejer

Wie von Christin angekündigt, werde auch ich Heike eins schmieren.
Und als "Träger des schwarzen Gürtels im Smørrebrød schmieren" werde ich eins mit Eiern und Krabben servieren. Relativ einfach zu produzieren, schmeckt aber köstlich.

Dazu braucht man:

Roggenbrot
gesalzene Butter
Ei(er)
Mayonnaise (am besten selbst gemacht)
Grönlandkrabben
Kaviar vom Steinbeißer
eine dünne Scheibe Zitrone
ein bisschen Dill

Brot schmieren, Eier in Scheiben darauf legen, einen dünnen Streifen Mayonnaise seitlich rechts von der Mitte des Brotes platzieren. Die Krabben darauf arrangieren , auf der anderen Seite der Brotscheibe einen Streifen Kaviar anrichten. Als i-Tüpfelchen eine dünne Scheibe Zitrone und ein Zweiglein Dill obendrauf.
Fertig!


Dazu Bier – heute wird es ein (Helles) Augustiner aus München. Am Wochenende geht natürlich
auch ein Schnaps dazu. Ich empfehle hier entweder einen Dill Snaps oder einen mit Kümmel…

(Anmerkung der Übersetzerin: Dieses Smørrebrød [smörrebröll] spricht sich [äg mell reier] aus.)

Butterbrot Event

Schmier Dir das mal ab!

Einfach nur schnell ein Butterbrot schmieren? Nix da! 
Aber Heike will Butterbrot. Soll sie kriegen! Butterbrot, bis der (Tier)Arzt kommt! Und einfach ist hier nix, schmier Dir das mal gleich ab.

Butterbrot, aber dänisches! Die dänischen Butterbrote bzw. Smørrebrøds sind oft richtige kulinarische Kunstwerke, hoch mit Belag betürmt, liebevoll verziert, zu essen nur mit Messer und Gabel. Und sie haben häufig phantasievolle Namen, da gibt es "Sonne über Gudhjem", "Sternschnuppe", "Victor Borge", und das "Abendbrot des Tierarztes" - "Dyrlægens natmad". Und weil der dänische Hospitant mir das als erstes gekocht - naja, geschmiert - hat, war eines der ersten dänischen Wörter, die ich (neben diversen Flüchen) lernte, "Dyrlægen" - Tierarzt.

Roggenbrot, Salzbutter, Leberpastete, Rindersaftschinken, Jus, Zwiebelringe. Fertig.
Allerdings stellt die Zubereitung eines echten dänischen "Dyrlægens natmad" einen hierzuland vor gewisse logistische Herausforderungen. Oder vielmehr Herausforderungen der Beschaffung. Ohne Kriminalität. Und mich damit vor eine der kleinen internen Diskussionen über die Qualität deutscher Lebensmittel im Allgemeinen und Besonderen. Und wir reden noch nicht mal über Fisch, sondern über Roggenbrot, Butter (!), Leberpastete (!!) und Rindersaftschinken (!!!). Wenigstens über Jus und Zwiebeln müssen wir nicht reden.

Roggenbrot ist Roggenbrot und wird geschnitten gekauft. Kein Problem.

Butter. Natürlich Salzbutter. Die französische mit Fleur de sel wird vom Träger des schwarzen Gürtels im Smørrebrød-Machen zähneknirschend als Alternative akzeptiert, die meisten deutschen dagegen nicht. 

Leverpostej. Leberpastete. Hat nur wenig mit dem zu tun, was man hier unter diesem Namen kaufen kann. Gibt es in dänischen Metzgereien und Supermärkten in kleinen Aluschälchen, wird gerne noch ofenwarm gekauft und bedarfsweise zu Hause noch mal aufgewärmt. Etwas körnige, grobe Konsistenz, fester als Leberwurst. Gibt's hier nicht, also kaufe ich schnittfeste Leberpastete. Schmeckt anders, geht aber durch.


Rindersaftschinken. Ohje. Das Original sieht "Saltkod" vor. Gepökeltes, gekochtes Kalb- oder Rindfleisch. Also Rindersaftschinken, sag ich doch. Nein, Saltkod sei heller. Mir doch wurscht. Rinder_saft_schinken, basta.

Jus. Auf dänisch "sky". Das Wort steht auch für "Wolken". Gelierter Bratensaft. Das kenne ich von den hannöverschen Omabesuchen meiner Kindheit, da gab's das bei jedem Metzger fertig zu kaufen. Und ich habe es ge_liebt. In Dänemark kann man das auch fertig kaufen. Machen wir auch immer und nehmen welches mit nachhause. Schmeckt super. Wenn man nicht versehentlich das mit Pilzen erwischt. ICH hab das nicht in den Einkaufswagen gelegt! In Ermangelung hannöverscher Metzgereien mache ich Jus selbst. Kalbsfond und Gelatine. Fertig.

Und die deutschen Zwiebeln sind genehmigt, uff.




Jetzt wird geschmiert.

Brot, Salzbutter, Leverpostej. Und es beginnt der Glaubenskrieg: Dann erst Sky und dann Saltkod  - leichter zu essen - oder erst Saltkod, dann streifenweise Sky und dann die Zwiebelringe?
Der Hospitant bevorzugt die nutzerfreundliche Version, ich habe für Heike jetzt das "Original" nachgebaut.





Sehr traditionell und sehr gut und sehr bezahlbar kann man Smørrebrød in Kopenhagen bei Ida Davidsen essen. Ein kleines Kellerlokal, eine Institution. Und hier wurde auch Dyrlægens natmad erfunden - der Name rührt von einem Stammkunden, der Abend für Abend das gleiche Smørrebrød bestellte.
Roggenbrot, Salzbutter, Leberpastete, Rindersaftschinken, Jus, Zwiebelringe. Fertig.



Wir hatten beim letzten Mal trotzdem was anderes. "Victor Borge" - Mayonnaise, Lachs, Steinbeißerkaviar - und eines, das der Hospitant hoffentlich morgen noch postet. Und dazu: Bier! Skål!





Butterbrot Event


Montag, 30. Januar 2012

Ich habe einen an der Waffel!

Und zwar einen an der Hefewaffel. Gebacken als Luxusversion eines dänischen Hefewaffelrezeptes, handgetippt, aus dem Jahr 1965. Da:


Wir wollen Waffeln backen. Seit Wochen. Speziell für diese Waffeln bzw. den Upgrade in die Präsidentenklasse musste unbedingt ein ganz besonderer Orangenlikör erstanden werden. Und weil der Händler auf der Weihnachtspräsentation nur Probeflaschen dabei hatte und wir abends im Onlineshop bestellten, fiel uns noch eine Flasche Armagnac in das Rettungsboot den Warenkorb. Ups!




Der erste Waffelbackversuch ergibt essbare, aber nicht überragende Waffeln. Der Hospitant behauptet, Muttis Waffeln seien mit Hefe gemacht worden. Hefewaffeln? Ich bin war skeptisch. Das Rezept kommt per Post, die Zutaten sind im Haus. An die Waffeln!



 Erster Lerneffekt: Wenn Du backen und bloggen willst, sollte die Digicam auffindbar und dann auch noch aufgeladen sein. Und Zutaten kann man hübsch arrangiert photographieren und damit auch den speziellen Kick bildlich dokumentieren, wenn man nicht erst daran denkt, wenn das Ganze schon eine gärende goldgelbe Pampe ist. Die photographiert nicht übermäßig photogen ist.



 Grundrezept:

500 g Mehl
6 Eigelb
250 g Butter
25 g Hefe
300-400 ml Milch

Weil wir nur Waffeln für zwei statt für zwölf backen wollen, halbieren wir das Rezept, streichen das Abendessen und haben eh vergessen, mittags was zu essen.

Die Butter wird geschmolzen, die Hefe in der Milch aufgelöst und dann alles zu einem glatten Teig verrührt.
Wir fügen hinzu - für die halbe Menge:
eine gute Prise Salz
einen Esslöffel Zucker
abgeriebene Schale und Saft einer Bioorange
(das nächste Mal die Schale zweier Bioorangen)
abgeriebene Schale einer Biozitrone
Saft einer halben Biozitrone
einen GUTEN Schuss Orangenlikör
einen GUTEN Schuss Armagnac

Alles verrühren, eine halbe Stunde gehen lassen.
Und dann ... backen.
 Absolut waffelscheinpflichtig!

Dazu gibt es, überraschenderweise, Wein.

2005
Bacharacher Hahn
Riesling Auslese
Toni Jost, Hahnenhof
8,5%

Honig, reifes Steinobst, Orangenschalen im Duft.
Auf der Zunge nicht übermäßig süß, karamellig und etwas nussig, kandierte Zitrusfrüchte, Orangeat, Pomeranzen, moderate Säure. Schön konzentriert, aber nicht übermächtig. Macht auch beim zweiten Gläschen nicht satt. Ist ja auch nur ne Zweidrittelflasche. Und quasi alkoholfrei.
Ein reifer, aber absolut nicht überreifer Wein, der immer noch Potential hat und perfekt zu den Waffeln passt.

Erstanden übrigens in einer Gaststätte mit dem schönen Namen "Deutsches Haus" in Kaub, über die demnächst hier zu lesen sein wird. Nur so viel vorab: Der Laden hat eine Weinkarte, die man der Fassade und der Speisekarte nicht ansieht und verkauft ALLE Weine auch außer Haus zu Preisen, die mich seinerzeit nach Luft schnappen ließen.

Und so musste ich leider die letzten beiden Flaschen dieses wunderbaren Weines erstehen - Wanderer, kommst Du nach Kaub und kehrst im Deutschen Haus ein, der 2005er steht möglicherweise noch auf der Karte, aber er liegt in meinem Keller.