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Freitag, 29. Mai 2015

Weinrallye #86: Der Sommer wird rot - Flick-Flac ohne Schnickschnack!



Susa sagt, der Sommer wird rot. Klar wird der Sommer rot. Immer!

Es beginnt mit den winzigkleinen, dafür hocharomatischen Steillagenwalderdbeeren in unserem Weinberg am Mittelrhein, dann gibt es schon bald die ersten  Frauensteiner Süßkirschen, gefolgt von wunderbaren Sauerkirschen "Alter Baum" (für die wir jetzt eine Quelle respektive Stelle in Erbach haben), zwischendurch jede Menge Himbeeren, rote Pflaumen, rote Stachel- und Johannisbeeren, kurzum, der Sommer wird nicht, er ist herrlich köstlich saftig rot.

Der rote Sommer verleitet selbst hartgesottene Rieslingtrinker wie uns hin und wieder auf  Um- und Abwege. Blanc de Noir oder Rosé, Weine, die wir selbst nicht im Repertoire haben.
Unser einziger Ausflug in die Rotweinmacherwelt im Jahr 2011 brachte einen knalltrockenen Spätburgunder BdN hervor, der ein wenig speziell war, aber wie geschnitten Brot lief. Es gibt Leute, die heute noch von diesem Wein schwärmen. Andere sind froh, dass er ausgetrunken ist.

Wie gesagt, Rieslingtrinker. Rosa nur in Ausnahmen. Rot nur in begründeten Ausnahmen, etwa, wenn unsere Weinreiserunde sich trifft. Dann gibt es seltsamerweise immer Rotwein, immer mehr als Weißwein, eigentlich immer überwiegend Bordeaux. Und Spätburgunder, und nicht nur, wenn wir uns an der Ahr treffen. Das sind dann aber auch Ausnahmeabende - jedenfalls für uns.

In unserem wunderbaren Südtirolurlaub im vergangenen Sommer haben wir dann aber den Abendrotwein zu einem festen Ritual werden lassen. Die Auswahl war ja auch riesig, tolle Winzer direkt vor der Tür, Jedentags auf hohem Niveau, genau das Richtige, wenn die Dämmerung sich über die Bergrücken und die schroffen Felsen auf die saftigen Schwemmkegel senkt.
So ein Sommerabendrotwein, der rundet und erdet und wird mit jedem Schluck sanfter.

Auf der unbewussten Suche nach so einem Sommerabendrotwein sind wir jetzt bei einem Winzer fündig geworden, den wir eigentlich nur als Rieslingcrack auf dem Schirm hatten - völlig zu Unrecht.
Reiner Flick vom Weingut Joachim Flick - der Straßenmühle in Flörsheim-Wicker - fällt uns seit Jahren nicht nur durch seine klaren, strahlenden und gleichsam tiefgründigen Weine auf, sondern auch durch seine Art. Kein vorlauter Blender, keiner, der sich nach vorne drängelt - obwohl er im VDP ist. Aber einer, der für seine Ansichten und Meinungen steht, und diese zB auch auf der Feierstunde der Landesweinprämierung vertritt, wenn er stellvertretend für die fluglärmgequälten  Bürger (nicht nur in Hochheim) der anwesenden Ministerin mal so richtig einschenkt.
Und Ihr kennt ja unser Credo: Die Weine sind wie der Winzer.

Besucht haben wir den Winzer am Tag der offenen Tür, probiert haben da erstmals auch seine Rotweine. Und sie sehr gemocht. Ganz vorne: 2012 Spätburgunder Wickerer Nonnberg, QbA trocken.



Rote, saftige Beerenfrucht, etwas Kirsche, zartsüßlicher Duft, etwas Vanille. Im Mund fest und saftig, feine Tannine, würzige mineralische Töne, das alles mit einem gewissen Druck, ohne zu wuchtig und mächtig zu wirken, mit guter Länge. Ein Wein, der nicht hüpft, aber elegant springt, mit Anlauf und Anspruch, durchaus artistisch, ohne dabei gekünstelt oder designed zu wirken. Flick-Flac ohne Schnickschnack. 


Ja, und er ist natürlich viel zu jung, aber eben auch jetzt schon wunderbar trinkbar, ein echter Sommerabendgenuss auf hohem Niveau, bei dem auch das zweite Glas noch schmeckt.

Jetzt muss nur noch der Sommer kommen! (Und wir müssen nur noch was von diesem Wein nachkaufen.)

Donnerstag, 26. Februar 2015

Weinrallye #83: Wein in Film und Fernsehen

Ich weiß, eigentlich müsste das Thema mich geradezu anspringen. Wein, Film, Fernsehen, die drei großen Lieben meines Lebens (ok ... nicht nur), da muss doch was funken.
Allein, es funkt nicht viel. Vielmehr: Nichts.



Die mehr oder weniger großen Wein-Kinofilme - gähn. Jeder hat sie gesehen, jeder würde sie nehmen.
Die mehr oder weniger erfolgreichen Versuche, das Thema vorabendtauglich oder primetimegemäß zu werwursten - gähn, gähn, gähn, von den Fallers - "Alla, trink mer noch oiner" über Moselbrück " ---" bis zum Winzerkönig "ohne Worte", Danke, nein, bitte nicht.

Und nein, über den letzten Bodensee-Tatort mag ich auch nicht schreiben (wäre es doch nur ironisch gemeint gewesen) und schon dreimal nicht über die durchaus gut gemachten, gleichwohl nicht ganz untendenziösen Reportagen über Weinmacher aus meinem Haussender.
Und nein, ich schreibe auch nichts über die Weinköniginnenwahlen. (Wobei, warum eigentlich nicht? Nur nicht heute, aber das ist ein tolles Thema. Bericht folgt.)

Also, ich bin spiegelblank. Ideenmäßig auf dem Trockenen.

Was auch damit zu tun hat, dass ich finde, dass das Thema Wein sowohl in der nachrichtlichen als auch in der bunten Berichterstattung sträflich vernachlässigt wird.

Wir sehen die hunderfünfzigste Reportage aus dem Schweineknast und die achtzigste Geschichte vom Heile-Welt-Biohof, wir lernen alles über Acrylamid und Aluminiumdeos und keiner erzählt uns, wie Wein wirklich gemacht wird, dass familiäre Betriebe nicht automatisch für Handwerk, Typizität und Qualität stehen, dass Großunternehmen nicht automatisch industriell arbeiten und Massenplörre erzeugen und dass das, was der romantische Verbraucher sich so vorstellt, wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Ja, es gibt sie, die guten Formate, aber sie spielen ausnahmslos nicht im linearen Fernsehen, sondern im  Netz.
Nur mal zwei Beispiele: *klick* *klick*

Und wenn sich ein gutes Format doch mal in die herkömmlichen Ausspielwege verirrt, wird es gnadenlos abgestraft und irgendwann eingestellt. Leute, das hat verdammt viel mit Format, Form und Fantasie zu tun. Und FWissen.
Ich kriege einen hysterischen Anfall, wenn ich Bilder vom Winzer mit Faßprobe und Kerze im tiefen Keller sehe, wenn erwartbare Nostalgiekitschbilder darüber hinwegtäuschen sollen, dass Reporter und abnehmender Redakteur von der Materie soviel Ahnung haben wie die Kuh von der Atomphysik und wenn Agrarlobbygeschwafel 1:1 abgebildet wird -  ohne Nachfrage, weil: siehe voriger Punkt.

Wein ist in aller Munde, Wein hat längst den Elitenimbus verloren, selbst im Discounter gibt es zugegebenermaßen langweilige, aber technisch korrekte Erzeugnisse, wo, zum Teufel, bleibt die angemessene Berichterstattung - über das Regionalfenster hinaus, wir berichten ja auch über Milchwirtschaft, die angesprochenen Schweineställe und Trends in der Bierindustrie?

Eine Steilvorlage, eine Riesenchance, die man einfach vorüberziehen lässt. Ein Riesenfehler, finde ich. Wir hätten das Thema, wir hätten die Leute, wir hätten gute Presentertypen, wenn wir nur wollten.

Dafür, dass es mir egal ist, habe ich mich gerade ganz schön in Rage geschrieben, ich weiß.

Dafür gibt es jetzt auch noch eine Geschichte, eine skurrile, eine schöne, eine filmreife.
Von unserer Weinrunde hatte ich ja bereits mehrfach berichtet (oder nicht? dann nur nicht hier).

8-12 Leute, die sich für ein Wochenende in einer Weinregion treffen, Bottleparty am Freitagabend, 2-4 Winzerbesuche und abendliches Essengehen am Samstag, Ausklang am Sonntag. Mit den Winzerbesuchen sind Weinproben und umfangreiche Einkäufe verbunden.

Wir waren für den frühen Samstagnachmittag bei einem Winzer angekündigt, nach einem ausgiebigen Mittagessen aber zeitlich leicht im Verzug - ca. 30 Minuten.

Auf unser Klingeln ertönte hysterisches Hundegekläffe, die Dame des Hauses riss die Tür auf und ließ ein Donnerwetter auf uns niedergehen, sie sei in Eile, die Probe kaum durchführbar, auf unsere Beteuerung, wir seien Verkostungsprofis, ließ sie uns doch ein, scheuchte uns in den Proberaum, den herbeigeeilten Kläffer im hohen Bogen in den Nebenraum befördernd, was wenig half, da dieser sich als Durchgangszimmer erwies und der Kläffer nun etwas besser gelaunt unsere im Feldwebelton auf die Stühle kommandierte Weinrunde begrüßte.
Wir probierten ziemlich eiligst und ein bisschen kleinlaut, kauten pflichtschuldig das dargereichte Weißbrot ("was heißt, das brauchen Sie nicht? Ich hab das extra für Sie gekauft!") und notierten brav unsere Wünsche.
"Wie, Sie wollen was kaufen und das jetzt mitnehmen?"
Hektisches Zusammenrechnen -"das können wir Ihnen abnehmen?!" - überhasteter Aufbruch zum benachbarten Hochregallager (Jacken anziehen wird überschätzt), es folgten Balanceakte auf der Rollleiter, von zwei starken Männern gehalten (O-Ton H.:"Ich kann da nicht hinsehen!"), Flaschen, die in Kartons gepfeffert wurden, Kartons, die in Kofferräume gestopft wurden, Rechnungen, die Wochen später kamen und vorne und hinten nicht stimmten, die wir aber alle anhand der eingesackten Flaschen beglichen haben.

Großes, großes Kino, eine Probe, von der wir seit langem erzählen und noch lange erzählen werden. Und danke, ma chère Susa, dass Du Deinem ersten Impuls nicht nachgegeben und diese filmreife Probe nach fünf Minuten verlassen hast - was für eine wunderbare Geschichte.

Und weil es bei der Weinrallye ja am Ende auch um Wein gehen soll, stelle ich jetzt eien vor, wenn auch keinen dieser legendären Probe (obwohl ich noch was davon im Keller habe). Stattdessen gibt es ausnahmsweise mal nicht Riesling, nicht mal Weißwein, sondern Rotwein aus Südtirol.

Von unserem wunderbaren Zusammentreffen mit Andi Sölva habe ich ja hier und da schon berichtet, aber auch das ist eine eigene filmreife Geschichte wert (mehr demnächst hier).
Vor kurzem haben wir die vorletzte Flasche unseres Kistentauschs aufgemacht, den 2012er "Sea". Sea, so heißt der Kalterer See bei den Einheimischen. Und ja, es handelt sich um einen Kalterer See, einen richtig klassischen, aus alten Anlagen, bei kleinem Ertrag gefahren, ja, handwerklich und mit viel Fingerspitzengefühl für Rebsorte, Tradition und Möglichkeiten gemacht.

In der Nase Brombeere, Leder, sehr dicht und komplex, ein bisschen Mokka und verhalten süßliche Zwetschgentöne. Im Mund Brombeerfrucht und Pflaume, Sauerkirsche, würzige Kakaonoten, Mokkaschokolade, ein Wein mit verdammt viel Substanz, der trotzdem eine gleichsam schwebende Eleganz und Größe offenbart. Kalterer See.

Großes Kino.

Gastgeber dieser Weinrallye ist edelste-weine.de, mehr dazu hier: http://www.edelste-weine.de/weinrallye-83-wein-film-und-fernsehen-blogparade/

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Weinrallye #81: Wir schenken uns reinen Wein ein

Ich bin spät dran, richtig spät. Draußen ist es fast schon dunkel, der Tag neigt sich dem Ende zu, das Jahr 2014 sowieso. Ich war in den vergangenen Tagen nicht besonders oft online, mir war es kurz vor Weihnachten einfach zuviel mit den gefühlten und den echten Tragödien, mit Leid und Selbstmitleid, mit Teilungswut und Teilnahmslosigkeit. Und ich bin natürlich ein Teil davon. Ein bisschen Verzicht hat ganz gut getan. Dazu kam, dass wir derzeit ohne WLAN und mit nur einem Laptop unterwegs sind - ja, das gibt es noch ;-). Und wenn die Prioritäten gerade so sind, wie sie sind, überlasse ich dem Liebsten seinem Modellbahnforum und lese meine heruntergeladenen Weihnachtsbücher auf. Eins habe ich noch.

Verzichtet haben wir im Großen und Ganzen auch auf Geschenke. Ein Buch nach Wunsch, ein selbstgekochtes Festessen, gute Weine, fertig. Umso mehr gefreut habe ich mich über einen Überraschungswein, den diese Weinrallye uns beschert hat. Ok, eine Überraschung mit Ansage.

Von wem er kam, wusste ich nicht, bis es am 2. Adventssamstag an der Tür klingelt. Wir sind auf dem Sprung ins Städtchen, Weihnachtsmarkt im Langwerthschen Hof mit Eröffnung durch den Posaunenchor, mittendrin unsere liebe Freundin Cantate aka Ronja Crescendo. "Hier ist Sven!" - "Komm rein!" Ich kenne keinen Sven. Doch! Klar kenne ich Sven Zerwas, den Stift!

Da steht er, in der Hand eine Flasche Rotwein. Merlot. Aus dem Württembergischen. Aha. "Franziska". Sagt mir nichts, aber auch überhaupt nichts. Aber wenn der Stift schon mal da ist, kann er gleich die Fassproben probieren, die wir am Morgen gezogen haben. Und so probieren wir und reden über das Jahr und den Herbst und über die Mühe und die Fäulnis und die Menge und die Qualität und den Projektwein. Und brechen überhastet auf, weil wir uns verquatscht haben und er weiter muss und wir ja sowieso ins Städtchen ...

Den Wein probieren wir, bevor wir ihn googeln.
2010 "Franziska", Merlot, im Barrique vergoren. Weingärtnergenossenschaft Aspach.
Etwas verhaltener Duft nach reifen roten Früchten, Sauerkirchen, Pflaumen, weich und samtig. Im Mund rund und saftig, hinten raus leicht austrocknend. Zarte Süße - Holz und Alkohol -, samtig und schmeichelnd.

Der Wein hinterlässt uns etwas ratlos. Gut gemacht, ja, aber da fehlt in bisschen Substanz, ein bleibender Eindruck.Wir stöpseln einen Vinolok auf die Flasche und stellen sie zurück in die "Später probieren"-Ecke.


Aus "später" werden zwei Tage. Dann schenken wir uns jeder ein weiteres Glas ein. Und siehe da: Franziska strahlt! Was verhalten anklang, tritt jetzt in den Vordergrund. Viel mehr Körper, gut eingebettete feine Säure, geschliffenes Tannin. Schöne Überraschung!

Und  beim Googeln finde ich dann auch noch heraus, dass dieser Wein von einem Nebenerwerbswinzer gemacht wurde, einem Verrückten, wie wir es sind, nur, dass Thomas Hentschel ausschließlich Rotwein produziert.

Ein gut gewählter Wichtelwein - Danke dafür - und Danke an Susa, die mit dieser Weinrallye und uns allen zusammen das Jahr 2014 beschließt. Auf ein neues, ein gutes, ein besseres Jahr. Skål!

Und: Godt nytår!




Dienstag, 17. Dezember 2013

180° Adventskalender: Nach Diktat verreist

http://hundertachtziggrad.blogspot.de/ Tannenzweige. Rote Kerzen. Plätzchenteller. Gänsebraten. Glühwein. Volle Innenstädte, Weihnachtsmärkte. Wunschzettel, Geschenke! Und, meinetwegen, Schnee. Das ist Advent, das ist Weihnachten. 
Und nichts, aber auch gar nichts davon habe ich mir dieses Jahr angetan. Nichts dekoriert, keinen einzigen Keks gebacken, die paar “Geschenke” in der Buchhandlung mV bestellt, fertig. Weihnachtlich ist mir trotzdem, denn zu Weihnachten gehört, neben all dem Schnickschnack, musikalisch klebrigsüß aus der Retorte untermalt, das Reisen.
So wie die Weihnachtsgeschichte eigentlich auch die einer Reise ist, alle reisen sie, das Paar, die Hirten, der Stern, die Könige, die einen kürzer, die anderen länger, und sie kommen an und feiern.


Solange ich denken kann, sind wir zu Weihnachten quer durch Frankreich und Deutschland gefahren. Nicht wirklich verreist, bewahre, aber ein, zwei Tage vor dem Fest wurde das Auto bis unters Dach vollgepackt und dann brach die Familie - unsere Eltern, wir zwei Kinder, ein, zwei Katzen - auf, um “nachhause” zu fahren, nach Bothfeld und Isernhagen, wo die Großeltern wohnten.
Lange Fahrten waren das, anfangs fast 1100 Kilometer, mehr als zehn Stunden. Wenn wir ankamen, war es schon dunkel, aber meine Großmutter hatte eine Topf ihrer legendären Hühnersuppe auf dem Herd, schlaftrunken setzten wir Kinder uns auf die alte, plastikriffelrot bezogene Eckbank und löffelten die herrliche heiße Suppe. 

Und so ging es weiter, die anderen Großeltern wollte besucht werden, wattegraue Tage, Kaffeetrinken im plüschigen winzigen Wohnzimmer von Omma und Oppa, riesige gestickte Gobelins an den Wänden, üppig wuchernde Orchideen auf der Fensterbank und ein Telefon in gehäkelter Schutzhülle auf dem Tischchen im Flur, eine Reise in eine andere Welt. Zu später Stunde stieg Oppa hinab in den Keller, um eine Flasche seines geliebten Frankenweins zu holen, und wir Kinder liefen mit, sprachlos angesichts der Schätze, die dort in seinem "Büro" lagen - selbstgebastelte Lampen aus leeren Bocksbeutelflaschen, Briefpapier aus Birkenrinde, bemalte Baumwurzeln und seltene Steine.
Und nach Weihnachten wurde das Auto wieder bepackt, diesmal noch voller, und es ging zurück nach Hause, ins andere Zuhause. Dass das Ziel und das Wunderbare dieser Weihnachtsreisen gar nicht so sehr das Ankommen war, habe ich erst viel später gespürt.


Reisen sind für uns Geschenke, und zwar ganz wunderbare, weil wir meist vorher nicht genau wissen, was uns erwartet. Vor zwei Jahren haben wir uns kurzentschlossen im September ins Auto gesetzt und sind 1100 Kilometer nach Süden gefahren, in mein geliebtes Chianti Classico.
Auf der Fahrt gerieten wir in einen heftigen Wintereinbruch und schlichen den Brennerpass durch 20 Zentimeter Neuschnee hoch - natürlich mit Sommerreifen -, während rechts von und reihenweise die Bäume unter der Schneelast über die Bahnstrecke knickten. Mehr als abenteuerlich, diese Fahrt, und am Ziel erwartete uns herrliches Spätsommerwetter. Wir haben in einer winzigen Pension gehaust, Weingüter besucht, eine knappe Woche nur, aber reiche, volle Tage, einzigartig, unbestellbar, unbezahlbar.
In diesem Jahr sind wir kurz vor der Adventszeit eher zufällig in die Planung für ein Wildschweinessen an der Mosel hineingerutscht. Ein gutes Dutzend Leute, von denen wir nur zwei kannten, alles Weinmacher und -menschen, ein großes Weingut mit Übernachtungsmöglichkeit, die Aussicht auf gutes Essen und große Weine, ein Wochenende Anfang Dezember. Eine Reise, eine kurze, aber vielversprechende.
  Es wurde, um es kurz zu machen, ein großartiger Abend mit einem großartigen Gastgeber - Danke, Gernot! - und unglaublich freundlichen, offenen, interessanten Mit-Gästen. An diesen Abend werden wir uns noch lange erinnern, wenn wir längst vergessen haben, was es diesmal zu Weihnachten an Geschenken gab. Diese Reise, dieser Abend - ein großes Geschenk, eins von denen, die man sich nicht selbst machen kann, weil es dazu anderer bedarf.
Uns erwartete nach dem Aperitif in der Küche eine lange, festlich gedeckte Tafel, ein kleines Menü aus nussigem Rotkohlsalat vorweg, phantastischem Wildschweinrücken mit Grünkohl, Sauerkraut und würzigem Aligot, zum Abschluss Crème bavairoise mit marinierten Orangenfilets. 



Getrunken wurde neben mitgebrachten Schätzen wie diversen Champagner- und Sektflaschen vor allem Pinot Noir, große Namen standen da auf dem Tisch, aber beeindruckt hat mich vor allem einer, einer der ersten.




2007er Spätburgunder Auslese trocken
Graacher Himmelreich
Barrique
Weingut Günther Steinmetz 
13,5%

Reife, kühle Frucht, Schwarzkirsche und dunkle Beeren, leicht süßliches, gut eingebundenes Holz.

Mineralische Unterlage, spürbare Säure, ordentliches Tanningerüst, alles sehr fest und straff, gute Länge. Ein Wein, der sich einprägt, der einzige, den ich am Tisch mit dem Handy photographiert habe, daher die mäßige Bildqualität.

Über die Spätburgunder von Stefan Steinmetz wurde ja in den letzten ein, zwei Jahren schon viel geschrieben. Ich habe Weine und Winzer erst jetzt kennen gelernt und bin - beeindruckt.

Kaufen kann man den 2007er nicht mehr, für sehr empfehlenswert halte ich aber (u.a.) den 2009er Kestener Herrenberg Spätburgunder unfiltriert. 

Und für alle, die mich und uns kennen und sich wundern, dass es hier nur um Rotwein geht: Natürlich haben wir spätabends auch noch Reparaturriesling getrunken.

Reparaturriesling, den packen wir auch ein, wenn es demnächst wieder auf die Reise geht. Weihnachtszeit ist Reisezeit, immer noch und immer wieder, es geht weit nach Norden, wieder 1100 Kilometer. Und wieder wollen Familie und Freunde besucht und beglückt werden, wieder werden wir viel unterwegs sein. Auf der Hinfahrt machen wir Station bei einer lieben Freundin, die wir - wenig überraschend - auf einer dieser halbspontanen Wochenendreisen mit ungewissem Ausgang kennen gelernt haben, nachhause geht's - wie vor vielen Jahren - über Bothfeld und Isernhagen. Auf lange Sicht ändert sich gar nicht so viel.

Und, ja, wir nehmen sicher auch ein paar Geschenke mit, aber was wir bekommen und mit zurücknehmen, lässt sich nicht in Glanzpapier wickeln und unter den Baum legen. Und so langsam freue ich mich auf die Reise - es wird Weihnachten.

Montag, 7. Oktober 2013

#Take 5 - oder: Aus fünf mach drei plus eins.

OPTIONAL: Take 5

Suse hat die Vorratskammer voll. Oder leer, je nachdem. Und sie delegiert. Mal wieder. Nur, dass es diesmal nicht nur den Praktikanten trifft. Nein, wir alle müssen ran. (Leo würde jetzt sagen, vier alle, und ich bin mal gespannt auf seinen Beitrag!)

Heißt, wir sollen kreativ sein. Eijeijei.

Die Zutatenliste: Übersichtlich. Rinderhüfte, ok, Tomaten und Parmesan haben wir eh immer da, Walnüsse ... meinetwegen. Und Kürbis. Ausgerechnet Kürbis! Ok: hätte noch schlimmer kommen können:


Aber gut, Bananen wachsen eher selten in norddeutschen Gärten, dann eben Küüürbis. Dieser inflationär angebotene Saisonminimedizinball, Halloweenbegleiter und hip und vegetarisch und sooo gesund und auf allüberallen Speisekarten, versuppt, verbreit, verfrittiert und aus meiner Sicht ü_ber_schätzt. Kürbis. Für meinen Geschmack lieber süßsauer denn als sämige Örkssuppe.


Aber gut, wir wollen ja mitmachen, wir wollen ja fünfe grade sein lassen (gelten Kürbiskerne als Ersatz?
Dann könnte man ein schönes Pesto ...), also, Parmesan und Tomaten sind eh da, Walnüsse verkauft der Nachbar drei Häuser weiter, Rinderhüfte der Metzger mV  und dann kullert eben noch so'n blöder öder Biohokkaido in den Einkaufskorb.
Und die beiden erlaubten Joker: Lilafarbenes Basilikum und Rucola (wenn man das Päckchen aus der Gemüsetheke genommen hätte).

So ganz planvoll bin ich nicht, eigentlich wollte ich irgendein Kürbisgewürzmatschmus als Ketchupersatz für das simpelst gebratene Steak machen, und dann sitze ich doch wieder Samstagabend über Kochbüchern, surfe mir einen Wolf und werde nicht wirklich glücklich. Den Durchbruch bringt ein Post meiner geschätzten Bloggerfreundin Bushcook: Kürbis-Crème-brûlée - hurra, jetzt hat sie's hab ich's! Und der Rest schält, schnippelt, backt und brät sich von selbst, umso schneller, wenn man auf bewährte eigene Ideenadaptionen zurückgreift. Voilà:


Rezepte? Rezepte!

Kürbis-Crème-Brulée 

  • 150 g Hokkaido-Kürbis, entkernt, grob geraspelt 
  • ein nussgroßes Stück Ingwer, fein gehackt 
  • etwas Butter 
  • 200 ml Blutorangensaft 
  • 100 g Crème fraiche 
  • 100 ml Schlagsahne 
  • 3 Eigelb (M) 
  • 1 EL mit Orangenschale aromatisertes Olivenöl
  • Salz
  • Szechuanpfeffer
  • Zimt
  • Vanille
  • Muskat 
  • 1/2 Teelöffel Kastanienhonig 
  • drei gehäufte Teelöffel geriebener Parmesan 

Butter in einem Topf erhitzen, Ingwer und Kürbis darin bei starker Hitze kurz andünsten, Saft dazu, 8-10 Minuten zugedeckt dünsten. Immer mal wieder umrühren, ggf etwas Wasser dazugeben, bei diesen Minimengen brennnt das schnell an.
Mit Salz, ordentlich fein genmörsertem Szechuanpfeffer, einer Messerspitze Vanille, ebenso viel Zimt und Muskat würzen.
Crème fraiche, Sahne, Eigelb und Öl verquirlen. Kürbis dazugeben und mit einem Schneidstab sehr fein pürieren. Masse durch ein feines Küchensieb streichen bzw. gießen, ggf nachwürzen.
In kleine flache feuerfeste Förmchen füllen und in eine Saftpfanne stellen. Pfanne bis knapp unter den Förmchenrand mit heißem Wasser füllen.
Im vorgeheizten Ofen bei 170 Grad auf der 2. Schiene von unten in ca. 30 Minuten stocken lassen. Herausnehmen, etwas abkühlen lassen. Mit Parmesan bestreuen und mit dem Minibrenner abflämmen. Als Garnitur mit Kastanienhonig karamellisierte Walnusshälften oder - stückchen aufsetzen.
Bei mir war die Menge ausreichend für 3 Förmchen à 150 ml.  

Lauwarmer Kürbissalat  
  • 1/4 Hokkaidokürbis, entkernt 
  • 4 kleine Tomaten, geviertelt 
  • Basilikum grün+lilafarben 
  • 1/4 Bund Rauke (wenn man sie aus der Gemüsetheke nimmt)  

Marinade 
  • 1 El Kastanienhonig 
  • 1-2 El Olivenöl 
  • 1/2 Tl Paprikapulver  
Vinaigrette 
Olivenöl, etwas Hühnerfond oder trockener Weißwein, Essig, Salz, Pfeffer

Kürbis in ca. 1/2 cm dicke Spalten schneiden, mit den Tomaten (aber getrennt ;-)) auf ein Blech mit Backpapier verteilen, (zusammen mit der Crème brûlée) in den vorgeheizten Ofen geben. Nach 10 Minuten die Kürbisspalten mit der Marinade bestreichen, 10-15 Minuten weiterbacken. Die Tomaten ggf. schon nach 10-15 Minuten aus dem Ofen holen.
Rauke (so man sie...) und Basilikum waschen, putzen, mundgerecht zupfen.
Zusammen mit den fertig gebackenen Kürbis- und Tomatenspalten anrichten, mit Vinaigrette beträufeln.
Reicht für zwei.

Dazu ein ordentliches gebratenes Hüftsteak - einfach nur mit Salz und schwarzem Pfeffer - und die Kürbis-Crème-brulée.
Aus 5 mach 3.

Und natürlich plus 1: Ein Glas Wein! Hier ein 2009er Leithaberg vom Mörbischer Goldberg aus dem Burgenland, den uns der liebe Kollege Bernhard Fiedler im Rahmen eines Tausch-Sixpacks nebst anderen tollen Flaschen geschickt hat. Passt mit seiner erdigen, stoffigen Art hervorragend zum gepimpten Kürbis und dem Batzen Fleisch.

Take 5? Take that!





























Samstag, 27. April 2013

Noch ein schönes Paar, nein, sechs schöne Paare!

Unsere Paar-Posts basieren irgendwie immer auf Einladungen. Pärchenabende, mit Chili con Carne und Chips und einem Stapel DVDs ... nein!!! Scheeheeeerz.

Aber erst die Foodpairing-Einladung von 180° im Dezember und jetzt die vom Deutschen Weininstitut. Ähnlich und doch GANZ anders.

Das Team des Weininstituts hatte nämlich eine Hand voll  Spitzenköche aus Hongkong unter Leitung von Ronald Shao Tak Lung und Leung Kin Sum sowie die einzige weibliche asiatische MW - die umwerfend kenntnisreiche, souveräne und charmante Jeannie Cho Lee - nach Mainz eingeflogen, um im Vorfeld der Weinbörse das Thema "Perfect Pairings - German Wines & Asian Flavours" zu traktieren.

Ein alter Hut. Restsüßer Riesling und asiatische Aromen. Oder?
Ha! Was heißt "asiatische Aromen"? Thaiküche? Korea? Vietnam? China? China ist nicht China, lasst uns über Regionalküchen reden ... ein weites Feld, das hier nur ansatzweise auf- und angerissen wurde und trotzdem eine Ahnung davon spüren ließ, was geht.



Sechs Gänge, je zwei Weine. Und die mitessenden und -trinkenden Anwesenden sollten entscheiden, welcher Wein besser passt.

Schweinshaxensülze mit Sesamöl-Dill-Pesto und großartiger Sojasauce. Dazu 2011er Riesling Kabinett von Vollrads - erstaunlich präsent - und 2012er Münsterer Kapellenberg von Krüger-Rumpf.
Ersterer ein bisschen zu leicht und trocken, letzterer gut, aber zu süß. Eine Spontancuvée gefiel besser, würde aber unter dem strengen Auge des Gesetzes sicher nicht bestehen.


Krebsfleischfarce in sahniger (Béchamel?)Sauce auf der Krebsschale, paniert und frittiert, wie Jeannie anmerkte "a dish from the 1960ies, inspired by british cuisine". Määäächtig, so eine Art chinesische Königinpastetchen, und genauso old-fashioned. Puh. Der begleitende Weißburgunder Spätlese trocken 2011 von den Burkheimer Winzergenossen machte das Ganze noch buttriger, opulenter, sättigender. Die trockene Weißburgunder Spätlese "Im Sonnenschein" vom Wilhelmshof setzte einen frischen Kontrapunkt und gefiel mir und uns sowohl solo als auch als Paar deutlich besser.



Seebarsch, gedünstet, mit Gelbe-Bohnen-Crunch (der mangels gelber Bohnen durch Kichererbsencrunch ersetzt wurde) und grüner Bohnenpaste. Wow. Der Crunch mit leichter Schärfe, die Paste ein feiner Gegenpol. Dazu endlich wieder Riesling: Großes Gewächs 2010 vom Karthäuserhof, und zwar der Eitelsbacher Karthäuserhof, versus Erstes Gewächs 2010 Hölle von Künstler. An dieser Stelle kann ich wegen Befangenheit kein Votum abgeben, ich meine, Künstler! Hölle! Ist mir doch wurscht, ob der andere möglicherweise eventuell unter Umständen besser passen können würde.

Ente. Vielmehr, Entenfilet unter grober Pecannusskruste. Frittiert, was man höchstens anhand der (unten liegenden) Entenhaut sehen konnte. Spätburgunder. 2009 Deutzerhof gegen 2010 Großes Gewächs Centgrafenberg von Fürst. Ein bisschen unfair, mal ehrlich. Ein toller Einsteiger eines hervorragenden Ahrwinzers mit etwas mehr Reife gegen das Flagschiff aus Franken. Unentschieden.


Mehr Fleisch. Rinderbacken, geschmort in süßlicher Sauce mit Maronen, zum_Niederknien_zart. Wobei: Sooo viel anders als mein Brasato, Susas Daube oder ein Ossobuco war das jetzt auch nicht, nur süßlicher. Dazu noch mal Spätburgunder. 2009 Kastanienbusch von Gies-Düppel, ruppig, stinkig, mineralisch, viel Holz, gegen 2011 von Braunewell - schmeichelnd, vergleichsweise gefällig, himbeerige Joghurtgum-Aromen. Hm. Zum So-Trinken den Rheinhessen, zu diesem Essen den Pfälzer.


Puh. Luft holen. Wasser trinken. Mehr Wasser trinken. Das Finale naht.

Jeannie hatte vorher schon gewarnt, dass asiatische Desserts nichts mit dem gemein hätten, was uns als Nachspeise bekannt ist und auch einer komplett anderen Tradition unterlägen. Guter Punkt.


Auf dem Teller: Frittierter Gluten-Krapfen, dazu ein süßes Mandelsüppchen mit Eiweiß und Papayawürfeln.
Hm. Sehr hm. Der Krapfen ein zäher süßer Teigklumpen mit Sesammantel, der sich allen Zerteilungsversuchen widersetzte. Das Süppchen ... eine Art süße Stracciatella mit zarten Blausäurenoten und Papayawürfeln. Tischnachbarn versicherten, das sei ein sehr authentisches Dessert. Ich war zwar schon in New York, aber noch niemals in Hongkong, ich bestelle eh lieber noch mal ein halbes Dutzend Austern nach dem Essen als etwas Süßes, aber das hier hat mich überrascht und ein bisschen fassungslos gemacht. Ich dachte doch immer, dass ich ein Allesfresser bin.

Zum Glück gab es auch dazu Riesling (!!!), 2002 Auslese Brauneberger Juffer-Sonnenuhr von Richter gegen 2003 Auslese Aulerde von Wittmann. Wieder das Künstler-Dilemma ... Wittmann ... Befangenheitsantrag ... am Tisch gab es aber durchaus andere Stimmen.


Fazit? Viel neuen Input zum Thema chinesische/Hongkong-Küche. Aha-Effekte, was Würzung und Weinbegleitung ausmacht. Ein toller Nachmittag. Vielen Dank an alle Beteiligten.

Freitag, 26. April 2013

Weinrallye #62 - Thema: Weine bis 5 €


Eine Diskussion, die eigentlich ein Perpetuum mobile ist. Zu der schon alles gesagt wurde. Nur nicht von allen. Nico von Drunkenmonday lädt zur Weinrallye - mit der Frage "Gibt es guten Wein unter 5 Euro?"

Fällt mir was dazu ein? Ja, mir fällt was dazu ein. Ich bekenne mich schuldig. Ich habe Wein unter 5 Euro gekauft, ich kaufe Wein unter 5 Euro und ich werde auch weiter Wein unter 5 Euro kaufen. Das ist so, das war so und das wird auch so bleiben. 
Und das hat durchaus auch etwas mit meiner Weinsozialisation zu tun. Nein, Ihr denkt falsch.

Weinmäßig sozialisiert wurde ich als Studentin durch den kleinen Weinladen gegenüber meiner Studi-WG in der Göttinger Innenstadt – den es erfreulicherweise auch heute noch gibt.
(In diesem Weinladen habe ich übrigens meine erste Flasche mit einem solchen Mörderkork gekauft, dass der Wein einfach nur untrinkbar war. Und natürlich die teuerste Flasche, die ich da erstanden habe. Aber das ist eine andere Geschichte ..)


Wolfgang Cichon hatte damals einen trockenen Liter von Mosbacher im Sortiment, der meiner Erinnerung nach 5,60 Mark kostete. Also 2,80 Euro. Und einen trockenen Umbrese bianco  für 5 Mark, ebenfalls in der Literflasche, und einen trockenen Umbrese rosso. Damit haben wir ungezählte Doppelkopfrunden, Theaterworkshops, Premieren und Dernieren, Wohnungspartys und Picknicke auf den Schillerwiesen beweint. Das sorgte manches Mal für etwas Unmut, wenn die Kosten umgelegt werden sollten, weil die Mehrzahl meiner Kommilitonen den lieblichen  „Portugiesischen Rosé“ von Aldi Nord vorzogen (Korrigieren zwecklos) oder den trockenen Bongeronde (gibt’s das Zeug noch?), dafür aber gerne zugriffen, wenn es was zu feiern gab und dann den 30-Mark-Nobile di Montepulciano (Geschenk meiner fürsorglichen Eltern) gnadenlos vernichteten. Den fanden wir nämlich alle schweinelecker saugut.

Dann verschlug es mich nach Stuttgart, wo ich im ganz normalen Edeka auf eine erfreuliche Weinauswahl stieß - Verrenberger Lindelberg Fürstenfass trocken von der Weinkellerei Hohenlohe, für ??? 6 Mark den Liter. Ordentliche Genossenschaftsweine für vernünftiges Geld. Gute Weine vom damals noch ganz jungen Wöhrwag und von den bekannten und weniger bekannten Winzern aus dem Remstal. Schöne Pfälzer Rieslinge (die Wochenendausflüge führten häufiger in die Heimat meines Liebsten).
Im Discounter hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Flasche gekauft.


Nächste Station Baden, dann schließlich der Rheingau - ich gebe zu, wenn man in einer Weingegend wohnt und nicht nur nach Namen und Etikett einkauft, ist es sehr viel einfacher, preiswerte Trinkweine zu kaufen als am Niederrhein oder der Flensburger Förde (oder der Hildesheimer Börde)..


Ein gewisse Hasardeursmentalität verführte mich trotz der hervorragenden Versorgungsinfrastruktur irgendwann dazu, auch mal Discounterweine zu kaufen. Probeweise. Warum? Siehe Susas ultimatives 5€-Wein-Bullshit-Bingo

Die schlechte Nachricht ist: Das war vor ... 10 Jahren vielfach grauenhafter Schrott. Das waren die “Marken”weine wie etwa die von Käfer aber auch, eben nur teurerer Schrott. Nicht teurer.
Die gute Nachricht ist: Man kann, ja, auch im Discounter, inzwischen anständige trinkbare Weine kaufen. Ich erspare Euch die Argumente für und wider und verweise erneut aufs 5€-Wein-Bullshit-Bingo, in dem mir nur ein Satz fehlt “Immer nur mit dem Wein kochen, den man auch dazu trinkt.”


Viel Vorrede, jetzt kommt endlich Wein. Den hervorragenden trockenen Kabinett vom Winzer gegenüber kennt Ihr ja schon. Unsere persönliche Neuentdeckung Gerster-Wagner  aus Hattenheim ist auch kein Unbekannter mehr.


Positiv überrascht hat mich bei der Jahrgangsprobe aber der 2012er Riesling
Secco.
Frisch, unkompliziert, schön unsüß, ein leichtes Bizzelweinchen mit Zitrus- und Steinobstaromen und guter Säure. Mit 4,50 Euro ab Hof preiswerter als der im Rheingau sonst weit verbreitete “Rheingauer Leichtsinn”, ein Gemeinschaftsprojekt der “Jungwinzer” - und besser.


Stop! werft Ihr jetzt ein, ja, stimmt, das ist der Ab-Hof-Preis und natürlich verschicken die auch, aber das kostet Porto. Fein. Stimmt.

Wie wäre es dann mit was Rotem aus Spanien - vor ca. einem halben Jahr gekauft, probiert, leider nicht photographiert.

Es gibt den kleinen, exklusiven Weinladen um die Ecke, es gibt die Handelsketten, und es gibt Weindiscounter. 
Da kommt der zweite U5 her - 2008 Verdamor, Monastrell, La Bodega de Pinoso, Alicante. 4,29 Euro. Typischer Duft nach Beeren, auf der Zunge trockene Frucht, spürbare Tannine, mit gutem Willen auch Gewürznoten. Schmeckt, passt, beißt nicht zurück und ist für das Büro-Sommerfest perfekt.


Und einen vom “echten” Weinhändler habe ich noch ... 2012er Auxerrois vom Weingut Pfirmann aus der Pfalz. Probiert auf der Prowein, kaufen kann ich ihn beim Weinhändler mV für 5,10 Euro. Schöne Frucht, netter Schmelz, ein preiswerter Spaßwein auf hohem Niveau.
Da gibt’s übrigens Einiges in der Kategorie Unterm5, auch bei den üblichen Verdächtigen unter den Versendern lassen sich preiswerte Weine finden.


Geht doch.


               

           


Freitag, 28. Dezember 2012

Weinrallye #58: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft - es gibt Rotweinfondue!

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft - ein schönes Motto, das der Winzerblog in Gestalt von Thomas Lippert da vor Weihnachten in die Runde warf.
Wein verschenken, bekommen, probieren, trinken, verbloggen.

Rechtzeitig vor dem Fest kam "unsere" Flasche aus Österreich, genauer gesagt, aus dem Burgenland.

Rotwein. Blaufränkisch. Ich bin ja eher Weißweintrinkerin, Lars ist da nicht ganz so farbenblind.
Also Rotwein. Super! Wir wollten längst mal wieder Rotweinfondue machen!




Liebe Leser, Ihr könnt die Schnappatmung jetzt wieder einstellen, kuckuck, das war ein Sche-herz, jedenfalls fast. NATÜRLICH mache ich aus einem 2009er Leithaberg vom Mörbischer Goldberg aus dem Burgenland von Bernhard Fiedler keinen Glühwein, kein Rotweingelee und keinen Fonduefond. Liebe Kinder, diesen Scherz bitte nicht nachmachen, jedenfalls, wenn es um Bordeaux und die Cheffin von Leo geht ... also, alles gut.

Rotweinfondue stand aber tatsächlich schon länger auf dem Plan.
Ich kannte bis vor einiger Zeit Käsefondue, Fondue bourguignonne, Fondue chinoise, meinetwegen noch den Mongolischen Feuertopf.
Rotweinfondue, davon erzählte der Hospitant zum ersten Mal.
"Rotwein mit einem Laubeerblatt und einem Timiandusk. Dazu leicht geräucherte Hamburgerrücken in dünnen Scheiben ohne Fettrand und fehlerfrei."

Ja, ich fand das genau so absurd wie Ihr. Bis ich es Weihnachten vor einem Jahr in Fredensberg serviert bekam. Ein bisschen Brot, ein paar Sößchen, etwas Salat, Leute, das ist lecker!

Und darum war es jetzt Zeit für Rotweinfondue. Zu meiner Ehrenrettung: Wir haben einen anständigen, stoffigen 2010 Corbières besorgt, einen Wein, den man absolut auch einfach nur trinken, aber eben auch für den Fond für ein Rotweinfondue verwenden kann, ohne Schnappatmung zu kriegen.

Dazu Lorbeerblatt, Thymian und Rosmarin.
Gepökelter, leicht geräucherter Schweinelachs (also rohes Kasseler).
Sowie die Fonduesauce, deren Rezeptur fernmündlich just in time übermittelt wurde.

200g Crème fraîche (Original: Saure Sahne 18% Fett)
1/2 Teelöffel Dijonsenf
evtl. 1/2 Teelöffel geriebene rohe Zwiebel
Salz, Pfeffer
50 ml Mayonnaise

Ich nahm weniger Mayo und keine rohe Zwiebel (brrrrrr), dafür mehr vomm göttlichen Bratar-Dijonsenf, Mélange blanc und einen guten Spritzer Zitronensaft.



An die Waffen Gabeln!

Ein Pfund Kassler später waren wir satt, der Wein alle, alle glücklich, rotweinselig und zufrieden.

Und jetzt kommt die zweite Ehrenrettung: NATÜRLICH, liebe Leser, haben wir den Wein nicht erst zu dieser Gewürzbombe geöffnet und probiert, sondern schon am Vorabend.
Was glaubt Ihr denn!




2009
Leithaberg
vom Mörbischer Goldberg
Burgenland
Grenzhof Fiedler
13,5% 

In der Nase pfefferig, saftige rote Pflaume, rote Beeren, kühle Mineralik. Leder, zartsüßlich, Zimtblüte, Walderdbeere, sehr konzentriert, feine Graphitnoten.

Auf der Zunge stoffig, mit viel Biss. Süßliche, reife Frucht, festes, straffes Tannin. Viel Spannung, Kräutertöne, Tannenhonig, gute Länge.

Was isst man dazu? Wildgeflügel, Fasan, Reh, vielleicht auch ein Rehwellington mit feiner Duxelles.

In jedem Fall ein fester, packender Wein, kein vordergründiger Schmeichler.

Mit mehr Luft wird er "waldiger", Noten von Wildleder und Unterholz kommen durch.

Tag 2.

Sehr viel kakaoiger in der Nase, der Alkohol - 13,5% - deutlicher im Vordergrund. Der Wein wirkt mineralischer, aber nicht mehr so harmonisch wie am ersten Tag.

Und, surprise, surprise, er steckt den Rotweinfond und das Kassler Fleisch und die Senfsauce echt gut weg. Fein!

Alles in allem - ein wunderbarer Wein, der einer eingefleischten Weißweintrinkerin und einem Gelegenheitsrotweintrinker zwei schöne Abende beschert hat. Wenn es den noch gibt - kaufen! Trinken!

Und: DANKE!!!