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Freitag, 29. Mai 2015

Weinrallye #86: Der Sommer wird rot - Flick-Flac ohne Schnickschnack!



Susa sagt, der Sommer wird rot. Klar wird der Sommer rot. Immer!

Es beginnt mit den winzigkleinen, dafür hocharomatischen Steillagenwalderdbeeren in unserem Weinberg am Mittelrhein, dann gibt es schon bald die ersten  Frauensteiner Süßkirschen, gefolgt von wunderbaren Sauerkirschen "Alter Baum" (für die wir jetzt eine Quelle respektive Stelle in Erbach haben), zwischendurch jede Menge Himbeeren, rote Pflaumen, rote Stachel- und Johannisbeeren, kurzum, der Sommer wird nicht, er ist herrlich köstlich saftig rot.

Der rote Sommer verleitet selbst hartgesottene Rieslingtrinker wie uns hin und wieder auf  Um- und Abwege. Blanc de Noir oder Rosé, Weine, die wir selbst nicht im Repertoire haben.
Unser einziger Ausflug in die Rotweinmacherwelt im Jahr 2011 brachte einen knalltrockenen Spätburgunder BdN hervor, der ein wenig speziell war, aber wie geschnitten Brot lief. Es gibt Leute, die heute noch von diesem Wein schwärmen. Andere sind froh, dass er ausgetrunken ist.

Wie gesagt, Rieslingtrinker. Rosa nur in Ausnahmen. Rot nur in begründeten Ausnahmen, etwa, wenn unsere Weinreiserunde sich trifft. Dann gibt es seltsamerweise immer Rotwein, immer mehr als Weißwein, eigentlich immer überwiegend Bordeaux. Und Spätburgunder, und nicht nur, wenn wir uns an der Ahr treffen. Das sind dann aber auch Ausnahmeabende - jedenfalls für uns.

In unserem wunderbaren Südtirolurlaub im vergangenen Sommer haben wir dann aber den Abendrotwein zu einem festen Ritual werden lassen. Die Auswahl war ja auch riesig, tolle Winzer direkt vor der Tür, Jedentags auf hohem Niveau, genau das Richtige, wenn die Dämmerung sich über die Bergrücken und die schroffen Felsen auf die saftigen Schwemmkegel senkt.
So ein Sommerabendrotwein, der rundet und erdet und wird mit jedem Schluck sanfter.

Auf der unbewussten Suche nach so einem Sommerabendrotwein sind wir jetzt bei einem Winzer fündig geworden, den wir eigentlich nur als Rieslingcrack auf dem Schirm hatten - völlig zu Unrecht.
Reiner Flick vom Weingut Joachim Flick - der Straßenmühle in Flörsheim-Wicker - fällt uns seit Jahren nicht nur durch seine klaren, strahlenden und gleichsam tiefgründigen Weine auf, sondern auch durch seine Art. Kein vorlauter Blender, keiner, der sich nach vorne drängelt - obwohl er im VDP ist. Aber einer, der für seine Ansichten und Meinungen steht, und diese zB auch auf der Feierstunde der Landesweinprämierung vertritt, wenn er stellvertretend für die fluglärmgequälten  Bürger (nicht nur in Hochheim) der anwesenden Ministerin mal so richtig einschenkt.
Und Ihr kennt ja unser Credo: Die Weine sind wie der Winzer.

Besucht haben wir den Winzer am Tag der offenen Tür, probiert haben da erstmals auch seine Rotweine. Und sie sehr gemocht. Ganz vorne: 2012 Spätburgunder Wickerer Nonnberg, QbA trocken.



Rote, saftige Beerenfrucht, etwas Kirsche, zartsüßlicher Duft, etwas Vanille. Im Mund fest und saftig, feine Tannine, würzige mineralische Töne, das alles mit einem gewissen Druck, ohne zu wuchtig und mächtig zu wirken, mit guter Länge. Ein Wein, der nicht hüpft, aber elegant springt, mit Anlauf und Anspruch, durchaus artistisch, ohne dabei gekünstelt oder designed zu wirken. Flick-Flac ohne Schnickschnack. 


Ja, und er ist natürlich viel zu jung, aber eben auch jetzt schon wunderbar trinkbar, ein echter Sommerabendgenuss auf hohem Niveau, bei dem auch das zweite Glas noch schmeckt.

Jetzt muss nur noch der Sommer kommen! (Und wir müssen nur noch was von diesem Wein nachkaufen.)

Freitag, 28. November 2014

Weinrallye #80: Nach dem Herbst ist vor dem Herbst

Es ist wieder Freitag, es ist wieder diese Bar Weinrallye, und es fühlt sich ein bisschen an
wie der Groundhog Day. Und dieses Mal sind wir auch noch die Gastgeber!

Also: Ernte 2014 - Eindrücke, erste Bilanz, Meinungen.

Und ich muss dir jetzt erzählen, was mir widerfahren ist... jetzt seh ich die Zukunft positiv, denn ich bin Optimist.


Das Jahr ist irgendwie vorbei gerast, was waren wir froh, deutlich vor dem außergewöhnlich frühen Austrieb mit Schneiden und Binden fertig geworden zu sein. Dann wurde es erst zu Ostern und dann zu Pfingsten richtig warm, nein, heiß, frühe Blüte, die Reben explodierten geradezu, und wir mussten uns beeilen, mit Mähen, Grubbern, Mulchen und Spritzen hinterher zu kommen. Indess: Picobello saubere Laubwände, kein Pilzdruck, keine Krankheiten, bis weit in den Juli hing es wun_der_schön.

Bis zum Tag, als der Regen kam. Und es warm blieb. Und die Peronospora explodierte.
Und es regnete ... Von Woche zu Woche, später von Tag zu Tag konnte man die Menge, die im Juli noch so exorbitant erschien, schrumpfen sehen.

Wo man auch hinschaute und -hörte, wurde aus Skepsis Nervosität, aus Unkenrufen Totengesänge. Der Arschjahrgang 2014 war schon lange vor der Lese geboren (und wurde, um das vorweg zu nehmen, sang- und klanglos beerdigt).

Ja, einfach war der Jahrgang nicht, die Kirschessigfliege tobte bei den roten Sorten, vielerorts gab es Probleme mit Essigfäule, die vor allem bei Anlagen, die vom Vollernter gelesen werden, extrem sorgfältige Vorselektion erforderten. Ach: Und wenn ich noch einmal hören oder lesen muss "Einfach kann jeder! ... liebe Leute, zur Abwechslung hätte ich nichts, aber auch gar nichts gegen einen wirklich einfachen, tollen, gesunden und, wenn man will, überreifen Jahrgang.

Trotzdem - was uns persönlich angeht - wir konnten Anfang Oktober die Trauben aus unseren beiden Rauenthaler Lagen Rothenberg und Wülfen (beide EG-qualifiziert) bei strahlendem Sonnenschein kerngesund in schöner Spätlesequalität ernten.

In unseren Parzellen am Mittelrhein waren die Mostgewichte etwas niedriger, trotzdem schmeckten die Moste konzentriert und intensiv. Hier gibt es in diesem Jahr drei Weine, von der trockenen dicken Kabinettqualität bis zur Auslese.

Die Weine haben sich gut geklärt, sind spontan angegoren und gären zum größten Teil noch langsam vor sich hin, wir werden sie wohl kurz vor oder nach Weihnachten abstechen.
Moderate Säurewerte, viel Extrakt, Reintönigkeit, jetzt schon Tiefe und Druck - kein Ausnahmejahrgang, aber einer, der das Maß wieder zurecht rüttelt, sowohl von der Menge als auch von der Qualität her.

Es ist, es war ein ungewöhnliches, vor allem ein ungewöhnlich warmes Jahr, selbst in unserem an sich kühlen Keller herrschten bis vor zwei Wochen noch so hohe Temperaturen, dass wir durch Bodenbenässung und Lüftung kühlen mussten.
Bis vorgestern hingen im Rheingau und am Mittelrhein überall in den Weinbergen noch reichlich Blätter an den Reben, dann kam zum Glück eine richtig kalte Nacht, und nun dürften sich die Stöcke in den Winterschlaf verabschiedet haben. Was bedeutet, dass wir mit dem Schneiden anfangen können und ein neuer Zyklus beginnt - nach der Lese ist vor der Lese.

Und keine Angst, nach so viel Weinbergsprosa gibt es auch etwas zu trinken. Denn wir konnten ein lang gegebenes Esseneinladungsversprechen wahr machen. Leider - aus Gründen - nur mit der Hälfte der erwarteten Gäste, aber wir haben ein Glas auf der Abwesenden Wohl getrunken und rechnen für das Nach-dem-Herbst-Essen 2015 fest mit ihnen.





Es gab ein einfaches, aufgebohrtes Essen rund um die tote Wildsau, sprich, Wildsaugulasch von der Rheingauer Wutz mit Vanillewirsing und Semmelknödelbuttermilchsoufflée im Zentrum nach einer klaren Steinpilzessenz (chakka!), Selleriegedöns nach Bushcook davor und noch vorher marinierten Saibling mit Gemüsekram und Wurzelchips. Danach ein Safraneis, Exotensalat und Orangenblätter und zum Schluss Salt&Pepper-Brownies.

Nix Experimentelles, gut vorzubereiten und bodenständig.
Und eigentlich nur der Anlass, was Anständiges zu Trinken auf den Tisch zu stellen. (Rezepte liefere ich auf Wunsch gerne nach).

Ich erspare Euch die Strecke (oder wollt Ihr???) und nenne nur zwei - persönliche - Highlights - Anfang und Ende, sozusagen. Beides sind übrigens Tropfen aus Gammel- und Arschjahren, das nur am Rande.

Vorweg - warum in die Ferne schweifen, wenn Kollegen sowas Schönes machen:

2006
Ratzenberger 
Spätburgunder Blanc de Noir brut
Sekt
13 %

In der Nase reife Walderdbeertöne, kräutrig, süßlich, nussig, würzig.
Auf der Zunge wieder Erdbeeraromen, Zitrus, weiche Nussaromen, saftig und schön trocken zugleich, das alles ungemein cremig mit viel Schmelz, dicht und fest und dabei sehr elegant, feines Mousseux, sehr gute Länge.
Chapeau! Ein großartiger deutscher Sekt, der sechs !!! Jahre auf der Hefe lag und sicher nicht nur in Deutschland in der Top-Liga mitspielt - toll gemacht, Jochen Ratzenberger!
(Und das Beste: Man kann ihn ab Hof noch kaufen!)

Nach diversen Rieslingen, Chardonnays, Spätburgundern und Bordeaux sowie dem einen oder anderen Piraten ging es zum Schluss noch mal nach Osten, genauer gesagt, ins Burgenland zu Bernhard Fiedler. Von dem hatten wir nämlich im Rahmen einer Blogger-Wichtel-Aktion und einer folgenden Weinkistentauscherei unter anderem eine Flasche

2006 
Grenzhof Fiedler
Beerenauslese
süß (ACH!)
13,5% 

bekommen. Ja, eine süße BA mit 13,5%.
In der Nase getrocknete Birnen, leicht bitter-nussig, etwas Waldboden und feuchtes Laub.
Auf der Zunge eher leicht im Stil, süßliches Dörrobst, schöne Würze, pilzige Noten, ordentlich Säure, viel Druck, schöne Länge.

Ein guter Ausklang eines einfachen Menüs, der Abend wurde dann noch etwas länger, aber davon bei Gelegenheit mehr.

Und nun hoffe ich auf viele Mitfahrer bei dieser Weinrallye, die ersten habe ich bereits gesichtet. Und freue mich besonders auf die nächste, die von unserer Mistress of Bordeaux, Susa, auf hundertachtziggrad ausgerichtet wird. Cheerio, old Sophie duck!

Montag, 12. Mai 2014

Alt. Neu. Entdeckt. Teil 1.

Kennt Ihr das? Weingüter, die man eigentlich auf der Spur hat, irgendwie "kennt", aber doch nur sehr oberflächlich? Die man an den Tagen der offenen Keller auch eher auslässt "das können wir auch irgendwann anders". Was dazu führt, dass man davon schlicht keine Ahnung hat.

Im Rheingau kennen wir uns, denke ich, halbwegs aus, aber es gibt schon noch eine Reihe alteingesessener Betriebe, die wir - warum auch immer - noch nicht besucht haben.
Warum auch immer ist manchmal auch ein Synonym für "zu weit weg". Rüdesheim ist gefühlt ganz schön weit weg. Das ist natürlich sachlich Quatsch.
Aber gefühlt ... hat das sicher auch mit dem Stau zu tun, der sich an schönen Sonnensonntagen ab elf Uhr morgens von kurz hinter unserer Hoftür bis nach, eben, Rüdesheim zieht und dann ab 17 Uhr wieder zurück.

Durch die Stadt geht's dann im Schritttempo, eingekeilt zwischen Reisebussen, Wohnmobilen und Ausflüglern, die dann mit etwas Glück (wenn wir unterwegs zum Mittelrhein sind) noch bis Kaub vor uns herschleichen, Mitte fahrend, links und rechts deutend und knipsend - Weinberge! Rhein! Burgen! Noch mehr Weinberge! Boote! Achtung Gegenverkehr! Baustellen! Das alles hat gefühlt mit Rüdesheim zu tun, seien wir mal ehrlich.

Nun war das vergangene Maiwochenende so gründlich verregnet, dass die Ausflügler ausblieben - ärgerlich für die Winzer, weniger ärgerlich für uns. Sonst hätten wir es wahrscheinlich wieder nicht in die Sektkellerei Ohlig geschafft. Gefühlt zwei Millionen Mal sind wir dran vorbei gefahren, kennen die mehr als ordentlichen Basisqualitäten aus dem LEH ... und hatten keine Ahnung von den tollen Spitzensekten.

Die Einsteiger - Privat weiß, rosé und rot - sehr anständig für kleines Geld. Interessant wird es mit dem "Herzog". Riesling, Jahrgangssekt, brut, fruchtig, schöne Perlage. Auch der Rheingau Rosé brut überzeugt. Beide liegen bei knapp 11 Euro.

Auch nicht nur "gut", sondern deutlich drüber: Chardonnay brut und Pinot Blanc, beide rebsortentypisch, gute Essensbegleiter und mit unter 8 Euro wahre Schnäppchen.

Aber dann - Tataaa - Auftritt der Hommage-Kollektion, "Edition Anton Ohlig".

Hattenheimer Wisselbrunn 2012, Riesling extra trocken. Enorm nussig und knackig, frisch, saftig.

Erbacher Marcobrunn 2010. Sehr viel reifer, weicher, rund und schmeichelnd, tiefer.

Cuvée Pinot brut 2010. Mein Favorit. Hochfarbig, nussig, mit viel Schmelz und Druck.

Assmannshäuser, Spätburgunder rot, 2007. Trocken, fest, dicht, dabei sehr elegant. Tolle trockene Kirsch- und Wildpflaumenfrucht.

Sekte, die man nicht mal nebenbei beim Empfang schlürft, Weine mit Charakter. Chapeau!

Und mittendrin ein Exot.Ohlig Rurale. Riesling. Jahrgangsekt nach der Méthode Rurale, also mit Kohlensäure ausschließlich aus der ersten Gärung, neu im Programm. Das hatten wir doch schon mal irgendwo .... richtig! Dieser hier ist mit 27 Gramm Restzucker schon ordentlich süß, wirkt aber viel fruchtiger, weiniger, frischer als die klassischen Sekte. Spannend!


Und das hätten wir schon viel eher entdecken können - der Kellereiverkauf ist nämlich, Tipp für alle Weintouristen, auch am Wochenende geöffnet. An diesem Wochenende war übrigens auch noch Deutscher Sekttag und die Lagerhalle war in eine sehr stylische Location mit Sekttheke und Co umdekoriert worden - auch ein Tipp fürs nächste Jahr. 

Und wenn man schon mal in Rüdesheim ist ...




... kann man auch noch was wirklich Neues entdecken. In Kürze mehr.



Dienstag, 17. Dezember 2013

180° Adventskalender: Nach Diktat verreist

http://hundertachtziggrad.blogspot.de/ Tannenzweige. Rote Kerzen. Plätzchenteller. Gänsebraten. Glühwein. Volle Innenstädte, Weihnachtsmärkte. Wunschzettel, Geschenke! Und, meinetwegen, Schnee. Das ist Advent, das ist Weihnachten. 
Und nichts, aber auch gar nichts davon habe ich mir dieses Jahr angetan. Nichts dekoriert, keinen einzigen Keks gebacken, die paar “Geschenke” in der Buchhandlung mV bestellt, fertig. Weihnachtlich ist mir trotzdem, denn zu Weihnachten gehört, neben all dem Schnickschnack, musikalisch klebrigsüß aus der Retorte untermalt, das Reisen.
So wie die Weihnachtsgeschichte eigentlich auch die einer Reise ist, alle reisen sie, das Paar, die Hirten, der Stern, die Könige, die einen kürzer, die anderen länger, und sie kommen an und feiern.


Solange ich denken kann, sind wir zu Weihnachten quer durch Frankreich und Deutschland gefahren. Nicht wirklich verreist, bewahre, aber ein, zwei Tage vor dem Fest wurde das Auto bis unters Dach vollgepackt und dann brach die Familie - unsere Eltern, wir zwei Kinder, ein, zwei Katzen - auf, um “nachhause” zu fahren, nach Bothfeld und Isernhagen, wo die Großeltern wohnten.
Lange Fahrten waren das, anfangs fast 1100 Kilometer, mehr als zehn Stunden. Wenn wir ankamen, war es schon dunkel, aber meine Großmutter hatte eine Topf ihrer legendären Hühnersuppe auf dem Herd, schlaftrunken setzten wir Kinder uns auf die alte, plastikriffelrot bezogene Eckbank und löffelten die herrliche heiße Suppe. 

Und so ging es weiter, die anderen Großeltern wollte besucht werden, wattegraue Tage, Kaffeetrinken im plüschigen winzigen Wohnzimmer von Omma und Oppa, riesige gestickte Gobelins an den Wänden, üppig wuchernde Orchideen auf der Fensterbank und ein Telefon in gehäkelter Schutzhülle auf dem Tischchen im Flur, eine Reise in eine andere Welt. Zu später Stunde stieg Oppa hinab in den Keller, um eine Flasche seines geliebten Frankenweins zu holen, und wir Kinder liefen mit, sprachlos angesichts der Schätze, die dort in seinem "Büro" lagen - selbstgebastelte Lampen aus leeren Bocksbeutelflaschen, Briefpapier aus Birkenrinde, bemalte Baumwurzeln und seltene Steine.
Und nach Weihnachten wurde das Auto wieder bepackt, diesmal noch voller, und es ging zurück nach Hause, ins andere Zuhause. Dass das Ziel und das Wunderbare dieser Weihnachtsreisen gar nicht so sehr das Ankommen war, habe ich erst viel später gespürt.


Reisen sind für uns Geschenke, und zwar ganz wunderbare, weil wir meist vorher nicht genau wissen, was uns erwartet. Vor zwei Jahren haben wir uns kurzentschlossen im September ins Auto gesetzt und sind 1100 Kilometer nach Süden gefahren, in mein geliebtes Chianti Classico.
Auf der Fahrt gerieten wir in einen heftigen Wintereinbruch und schlichen den Brennerpass durch 20 Zentimeter Neuschnee hoch - natürlich mit Sommerreifen -, während rechts von und reihenweise die Bäume unter der Schneelast über die Bahnstrecke knickten. Mehr als abenteuerlich, diese Fahrt, und am Ziel erwartete uns herrliches Spätsommerwetter. Wir haben in einer winzigen Pension gehaust, Weingüter besucht, eine knappe Woche nur, aber reiche, volle Tage, einzigartig, unbestellbar, unbezahlbar.
In diesem Jahr sind wir kurz vor der Adventszeit eher zufällig in die Planung für ein Wildschweinessen an der Mosel hineingerutscht. Ein gutes Dutzend Leute, von denen wir nur zwei kannten, alles Weinmacher und -menschen, ein großes Weingut mit Übernachtungsmöglichkeit, die Aussicht auf gutes Essen und große Weine, ein Wochenende Anfang Dezember. Eine Reise, eine kurze, aber vielversprechende.
  Es wurde, um es kurz zu machen, ein großartiger Abend mit einem großartigen Gastgeber - Danke, Gernot! - und unglaublich freundlichen, offenen, interessanten Mit-Gästen. An diesen Abend werden wir uns noch lange erinnern, wenn wir längst vergessen haben, was es diesmal zu Weihnachten an Geschenken gab. Diese Reise, dieser Abend - ein großes Geschenk, eins von denen, die man sich nicht selbst machen kann, weil es dazu anderer bedarf.
Uns erwartete nach dem Aperitif in der Küche eine lange, festlich gedeckte Tafel, ein kleines Menü aus nussigem Rotkohlsalat vorweg, phantastischem Wildschweinrücken mit Grünkohl, Sauerkraut und würzigem Aligot, zum Abschluss Crème bavairoise mit marinierten Orangenfilets. 



Getrunken wurde neben mitgebrachten Schätzen wie diversen Champagner- und Sektflaschen vor allem Pinot Noir, große Namen standen da auf dem Tisch, aber beeindruckt hat mich vor allem einer, einer der ersten.




2007er Spätburgunder Auslese trocken
Graacher Himmelreich
Barrique
Weingut Günther Steinmetz 
13,5%

Reife, kühle Frucht, Schwarzkirsche und dunkle Beeren, leicht süßliches, gut eingebundenes Holz.

Mineralische Unterlage, spürbare Säure, ordentliches Tanningerüst, alles sehr fest und straff, gute Länge. Ein Wein, der sich einprägt, der einzige, den ich am Tisch mit dem Handy photographiert habe, daher die mäßige Bildqualität.

Über die Spätburgunder von Stefan Steinmetz wurde ja in den letzten ein, zwei Jahren schon viel geschrieben. Ich habe Weine und Winzer erst jetzt kennen gelernt und bin - beeindruckt.

Kaufen kann man den 2007er nicht mehr, für sehr empfehlenswert halte ich aber (u.a.) den 2009er Kestener Herrenberg Spätburgunder unfiltriert. 

Und für alle, die mich und uns kennen und sich wundern, dass es hier nur um Rotwein geht: Natürlich haben wir spätabends auch noch Reparaturriesling getrunken.

Reparaturriesling, den packen wir auch ein, wenn es demnächst wieder auf die Reise geht. Weihnachtszeit ist Reisezeit, immer noch und immer wieder, es geht weit nach Norden, wieder 1100 Kilometer. Und wieder wollen Familie und Freunde besucht und beglückt werden, wieder werden wir viel unterwegs sein. Auf der Hinfahrt machen wir Station bei einer lieben Freundin, die wir - wenig überraschend - auf einer dieser halbspontanen Wochenendreisen mit ungewissem Ausgang kennen gelernt haben, nachhause geht's - wie vor vielen Jahren - über Bothfeld und Isernhagen. Auf lange Sicht ändert sich gar nicht so viel.

Und, ja, wir nehmen sicher auch ein paar Geschenke mit, aber was wir bekommen und mit zurücknehmen, lässt sich nicht in Glanzpapier wickeln und unter den Baum legen. Und so langsam freue ich mich auf die Reise - es wird Weihnachten.

Freitag, 27. September 2013

Weinrallye #67: Politik und Wein. Oder Wein und Politik.





Wein und Politik - das bedeutet auch: Wein und Weinauszeichnungen.
Was es da nicht alles gibt. Kammerpreismünzen in Bronze, Silber und Gold. Staatsehrenpreise. DLG-Preise. Wettbewerbe wie "Best of Riesling", "Mundus Vini", "Berliner Wein Trophy", um nur ein paar, grad so aus der Lameng, zu nennen. Geboren, klar, aus der Idee, Weine besser zu promoten. Weinbaupolitik. Landespolitik, Lobbypolitik, Verlegerpolitik.

Bei Weintrinkern reicht die Akzeptanz von Begeisterung über Belächeln bis zu Verdammen. Bei den Weingütern gilt wohl Ähnliches. Nicht jeder spielt überall mit, will überall mitspielen, die Teilnahme ist häufig auch mit ordentlichen Anstellkosten verbunden. Nicht jeder will oder braucht dieses Marketinginstrument, auch das. Und dann gibt es wieder renommierte Weingüter, die das alles nicht brauchen und es trotzdem partiell machen - wie Gunter Künstler aus dem Rheingau, der regelmäßig zur Landesprämierung anstellt und genauso regelmäßig goldene Kammerpreismünzen und Staatsehrenpreise abräumt.

Um so spannender, eine Prämierung mal von der anderen, der Jurorenseite zu erleben. Das Deutsche Weininstitut hatte zum ersten Mal einen Sonderpreis für den besten deutschen Burgundersekt sowie den besten Weißburgunder, Grauburgunder und Spätburgunder aus Deutschland ausgelobt.

Insgesamt hatten im Vorfeld fast 1000 Weine und Sekte an einer bundesweiten Vorauswahl (Bestnote AP-Prüfung und DLG-Prüfung) teilgenommen, knapp 30 schafften es dann in die Endrunde, wo sie von einer Jury aus Sommeliers und (Wein)Journalisten blind verkostet wurden.

Fünf Sekte, sieben Weißburgunder, acht Grauburgunder, zehn Spätburgunder. Auf der Probenliste standen nur Jahrgang, Rebsorte, Qualitätsstufe und Erzeugnis=Süßegrad. Jeder Juror wählte innerhalb eines Flights die Top 1, 2, 3, dann wurde abgeglichen.

In jeder der vier Kategorien lagen die Top 3 dicht beeinander, doch die jeweiligen Sieger stachen am Ende doch klar heraus.

Der Preis für den besten deutschen Burgundersekt des Jahres ging an die Pfälzer Sektkellerei Martinushof aus Niederkirchen in der Pfalz für ihren 2011er Pinot Blanc de Noir. Von diesem Sekt gab es nur 3.000 Flaschen, die inzwischen ausverkauft sind. Der Sekt lag 15 Monate auf der Hefe und bekam  nach dem Degorgieren eine Dosage mit einer TBA.
Ein saftiger, cremiger Sekt, feine Fruchtnoten, nussige Würze, kräftiges Rückgrat, viel Schmelz und Stoff. An Hof kostete dieser Sekt 9,50 Euro.
Das Ehepaar Hilarius und Martina Reinhardt betreibt den Martinushof erst seit 12 Jahren. Hilarius Reinhardt hat das Handwerk von der Pike auf gelernt und war viele Jahre Produktionsleiter bei einer der größten deutschen Sektkellereien, Schloss Wachenheim. Inzwischen sind er und seine Frau neben der eigenen Produktion  als Lohnversekter für 14 VDP-Weingüter tätig.

Als bester Weißburgunder wurde ebenfalls ein Vertreter aus der Pfalz ausgezeichnet, diesmal ein Wein  einer Winzergenossenschaft, der 2012 Weißburgunder „Nr. 1“ der Vier Jahreszeiten Winzer aus Bad Dürkheim.

Dieser Wein stammt aus einer limitierten Edition, für die ausgewählte Winzer die Trauben zugeliefert haben, insgesamt umfasste die Produktion ca. 4000 Flaschen. Der Wein lag sechs Monate auf der Hefe, wurde alle zwei bis drei Tage einmal aufgewirbelt und zu 100 Prozent im gebrauchten Barrique ausgebaut.
Ein stoffiger, dichter Weißburgunder, saftige Melonenfrucht, nussige Noten, süßlicher Schmelz, spürbares, aber schon gut eingebundenes Holz. Für 11,80 Euro ab Hof ein exzellenter Kauf.
Die Vier Jahreszeiten Winzer gehören seit Jahren zu den besten Winzergenossenschaften Deutschlands, die bei enormer Größe (ca 500 ha) bis hinunter ins Basissortiment gute Qualitäten zu günstigen Preisen produzieren.

Bei den Grauburgundern kam der Siegerwein abermals aus der Pfalz: der 2012er Grauburgunder Schlossberg vom Weingut Wilker in Pleisweiler-Oberhofen. Der Wein wurde zu 60 Prozent in großen Holzfässern mit 500 Litern Kapazität vergoren und lag dort etwa vier Monate. 
Ein kräftiger, stoffiger Grauburgunder, viel süßes Holz, Schmelz, saftige Frucht, mit guter Länge. Ein hervorragender Essensbegleiter, ab Hof für 7,90 Euro zu haben.
Die Wilkers bewirtschaften etwa 20 ha, der Rebsortenspiegel reicht vom Klassiker Silvaner über Riesling, diverse Burgundersorten und Bukettrebsorten bis zu Dornfelder, Spätburgunder und Cabernet Sauvignon. Zum Weingut gehört ein Landhotel mit angeschlossenem Restaurant, das auf moderne regionale Küche setzt.

Der vierte und letzte Sonderpreis für den besten Spätburgunder ging nach Baden, an den 2010er Spätburgunder Spätlese trocken von alten Reben aus der Lage Durbacher Kochberg vom Weingut Heinrich Männle aus Durbach. Der Wein wurde zu 100 Prozent im Barrique ausgebaut und war mit 27,50 Euro mit Abstand der teuerste unter den Siegerweinen.
Das Weingut ist seit fast 300 Jahren in Familienbesitz, bewirtschaftet werden ca. 5,5 Hektar, überwiegend mit Rotweintrauben – Heinrich Männle ist auch besser als „Rotwein-Männle“ bekannt. 

Bild: Ernst Büscher, Deutsches Weininstitut

Bei der Preisverleihung in Mainz (durch die neue deutsche Weinkönigin, Nadine Poss) wurden die Weine im Rahmen eines kleinen festlichen Diners präsentiert. Gutes Matching auf der gesamten Strecke!

Und das Fazit
Im Glas: Zweifelsohne sehr gute Weine. Weine, die den Weg durch die unterschiedlichsten Jurys überlebt und bestanden haben. Weine, die auf hohem Niveau allgemeinverständlich und damit auch hervorragend zu verkaufen sind. Gut für den Absatz.  
Schwer zugängliche Weine mit Ecken, Kanten, verstecktem Potenzial sind hier praktisch chancenlos, wenn sie nicht eine starke Lobby haben, die den Weg für sie ebnen und die Werbetrommel rühren. Genau wie in der Politik.