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Sonntag, 28. Juni 2015

Weinrallye #87 - Winzerinnen: Keine Schaumschlägerinnen!



Dorothee aka Bushcook lädt zur Weinrallye.

Unter einem Motto, das beileibe kein neues ist,  destotrotz eins mit Gesprächswert - Frauen und Wein. Frauen, die Wein machen. Oder anders: Machen Frauen anders Wein?

 Eine Frage, bei der sich die Champagne als Spielort (und ohnehin Ziel unseres Kurzurlaubs direkt vor der Weinrallye) geradezu aufdrängt. Wer an Champagner denkt, denkt an Veuve Cliquot, an Viriginie Tattinger, an große Champagnerhäuser, die selbstverständlich von Frauen geführt werden, und das nicht erst seit kurzem.

Die Tradition


Eher zufällig und ohne Terminvereinbarung (was für die meisten Champagnerhäuser ein No-Go ist und in unserem Fall einer Reihe unglücklicher Umstände geschuldet war) stolpern wir in Avize ins Traditionshaus Michel Gonet. Seit 1802 gibt es das Weingut, der Vater der jetzigen Inhabergeneration hat es deutlich ausgebaut und als Marke etabliert. Wir reden von 40 Hektar Weinberge in der Champagne, der Großteil der Trauben wird unter dem Label Michel Gonet sowie einigen anderen Namen verarbeitet. Zum Unternehmen gehören auch noch zwei Weingüter im Bordelais, die von den beiden Gonet-Söhnen geleitet werden. Sophie, die Tochter, eine drahtige, energische Person mit viel Charme - führt das Stammhaus in der Champagne in 7. Generation.
Zu unserer Überrachung und Freude begrüßt sie uns selbst und beschert uns eine hochinteressante und durchaus amüsante Probe.
Sophie lässt keinen Zweifel daran, dass für sie der Champagner weiblich ist - und dass Frauen dafür ein besseres Händchen haben. Filigran, vielschichtig, manchmal ein bisschen kaprizös, aber immer lebendig, mit viel Esprit. Wie die Winzer, so die Weine. (Mein Credo. Bis darauf, dass ich finde ... dazu unten mehr.)
Im Hintergrund, so erzählt sie, hätten die Frauen häufig schon lange oft das Sagen gehabt, zunehmend sei das jetzt auch nach außen sichtbar - und verunsichere so manchen Mann. Seit kurzem macht sie auch Kommunalpolitik, managt die Familie nach dem Tod ihres Mannes in diesem Frühjahr alleine, hat sich für das kommende Jahr den Umbau der Kellerei und den Neubau einer Vinothek mit Aussich auf die Weinberge der Côte de Blancs vorgenommen. Langeweile sieht anders aus.

Besonders gut gefallen hat uns der Champagne Michel Gonet Cuvée  Prestige 2001 Blanc de Blancs Grand Cru  Brut. Klar und stringend, kräftig, aber nicht zu opulent, geröstete Mandelnoten, ein bisschen Butterbrioche, leicht mineralisch mit einem winzigen salzigen Kick.

Aufgrund der besonderen Umstände gibt es leider keine Bilder. Die Homepage findet Ihr hier.

Das Kontrastprogramm


Der Besuch bei einer anderen Winzerin in der Champagne war schon vorher gesetzt - Solveig Tange in Soulières. Solveig stammt aus Dänemark, war in ihrem ersten Leben Journalistin und betreibt zusammen mit ihrem französischen Mann Alain das Champagnergut Tange-Gérard, seit 2009 im Vollerwerb unter dem Namen Tange Gérard. Untergebracht ist der Betrieb im Nachbargebäude von Alains Geburtshaus, seine Familie lebt seit Generationen in der Champagne, besitzt dort ebenso lange Weinberge und Äcker, verkaufte aber bis vor einigen Jahren alle Trauben an die örtliche Kooperative. Nach und nach haben Solveig und Alain die Flächen aus alten Pachtverträgen abgelöst und bewirtschaften jetzt drei Hektar selbst.

Ein paar Schritte vom Weingut entfernt liegt ein Teil der Weinberge - größtenteils mit Chardonnay bepflanzt, im unteren, eher frostgefährdeten Abschnitt stehen allerdings Pinot noir und Pinot meunier, die als weniger empfindlich gelten. Die Rebzeilen sind begrünt und wirken sehr "belebt", Schmetterlinge, Weinbergsschnecken, blühende und duftende Kräuter.(Im Schnitt sollen in der Champagne übrigens 30 Prozent der Zeilen begrünt sein, bei Tange-Gérard sind es knapp 70.)



Für uns Rieslingwinzer sehen die Weinberge etwas seltsam aus: Niedrige Laubwände, die Bögen sind knapp über dem Erdboden aus dem Stock gezogen, Chabliserziehung, enge Zeilenabstände. Das erlaubt das Arbeiten mit Überzeilenmaschinen (von uns "Dreibeine" genannt), mit denen die Laub- und Pflanzenschutzarbeiten gemacht werden



Gelesen wird per Hand - mühsam durch die geringe Höhe, wenn auch nicht ganz so anstrengend wie in der Steillage. Dafür sind die Lesekisten deutlich größer und schwerer.
Gekeltert wird in der Cooperative, alles ist genauestens festgelegt und wird streng kontrolliert. Der Schnitt in den Weinbergen, die Triebe und Trauben, die Anzahl der Flaschen, die man für den unter eigenem Label vermarkteten Champagner kauft. Und die Zahl der Steueretiketten, die oben auf die Capsule über die Agraffe klebt (und kleben muss). Einfach eine kleine Kelter kaufen, Trauben kaufen und Wein machen, hier funktioniert das nicht.

Solveig und Alain haben als Emblem für ihr Champagnergut das Wahrzeichen von Souliéres, den Stern vom Kirchturm, gewählt - und zwar so, wie sie ihn sehen. Er strahlt auf den ausgesprochen schlicht und geschmackvoll gehaltenen Etiketten, an deren Farbe man die "Qualitätsstufe" des jeweiligen  Champagners erkennen kann.

Natürlich habe ich mich mit Solveig auch über das Thema "Frauen und Wein" unterhalten. Sie sieht den Anteil der Frauen in Führungspositionen ebenfalls auf dem Vormarsch, steht aber ansonsten auf dem - sehr skandinavischen - Standpunkt "das ist doch völlig normal". Und: "Frauen machen  keine anderen Weine als Männer. Unterschiedliche Winzer machen unterschiedliche Weine, unterschiedliche Winzerinnen machen unterschiedliche Weine. Männerweine, Frauenweine, das ist hier eigentlich kein Thema." Unterschiede gebe es bestenfalls in der Kommunikation.

Das unterschreibe ich voll und ganz. Und komme auf das Credo von vorhin zurück: Die Weine sind so wie der Winzer. Da gibt es rustikale Wuchtbrummen und elegante Schöngeister, dünne Leichtgewichte, verspielte Schnörkelchen und tiefe, feste Leuchttürme. Das hat aber nichts damit zu tun, ob der Wein von einer Frau oder einem Mann gemacht wurde. Eine Winzerin kann bei entsprechenden Lagen ungemein maskuline, fleischige Weine aus ihren Wingerten herausholen, ein Winzer bei entsprechendem Weinbergspotential eher feminine Weine machen. Die Kunst ist es doch, das, was da draußen wächst, mit dem wir uns so wahnsinnig viel Mühe geben, vom Schnitt bis zur Lese, dem Raum zu geben und es abzubilden.

Und noch ein Satz, der exemplarisch steht für die Leidenschaft, den Willen und das Wissen um die Mühe und die Nerven und den langen Atem, den man und frau für Weinbau und speziell für Champagner braucht: "Ich würde das Büro nie wieder mit diesem Leben tauschen, mit dem im Weinberg, im Keller und im Kontakt mit den Weintrinkern." Das sagen beide.

Zeit für Solveigs Wein. Oder ist es Alains Wein? Es ist der Wein von Tange-Gérard. Wer macht was. Wen interessiert das. Beide machen alles.
Wir beginnen mit dem Champagne Tange-Gérard Blanc de Blancs Brut 2008. In der Nase verhalten nussig, weiße Blüten, zarte Röstaromen, Zitrustöne. Auf der Zunge nussig, etwas Schmelz, mit mehr Luft zunehmende Cremigkeit, duftig und zartblumig, feines Mousseux, gute Länge.
Konsequent, straight, sehr präzise gesetzt und trotzdem nicht freudlos und streng. Ein intelligenter Wein. Der das widerspiegelt, was man hier sieht, atmet und lebt. Die Weine sind wie ...

Und das ist nur der Anfang. Wir haben das ganze Sortiment verkostet, über den Rest erzählen wir demnächst hier und anderswo.

Solveig schreibt einen Blog auf Englisch und Dänisch, ihre Homepage findet Ihr hier.

Sonntag, 1. Februar 2015

Ausgeblubbert

Ich gewinne ja nie selten was. Ok, vor Jahren mal ein Sachbuch-Abo (toll!) und ab und zu habe ich mal drei Richtige im Lotto. Zugegebenermaßen mache ich auch nicht allzu oft bei Verlosungen mit, was die Chancen naturgemäß mindert.

Kurz vor Weihnachten habe ich aber auf den allerletzten Drücker an der Crémant-Verlosung von "Weine der Loire" teilgenommen - zu Weihnachten und Silvester passt was Sprudelndes immer, außerdem weiß ich, dass Schwager und Schwiegermutter sehr viel lieber ein Glas Sekt oder Crémant trinken als Riesling oder gar Rotwein, wir hatten zwar schon einiges im Vorrat, aber ... jedenfalls ...

... ich habe gewonnen! Yeah! Pünktlich zum Fest war das Sixpack da, und wir haben die  Crémants nicht nur genossen, sondern uns auch Notizen gemacht. Fünf im Urlaub, den letzten gestern Abend, als krönenden Abschluss des grauen Monats Januar.


Der hauseigene Controller hat die Weine selbstgeredend in einer Art Versuchsaufbau angeordnet und nur genau so zum Verkosten und Trinken freigegeben, und das Ergebnis der Proben gab ihm am Ende Recht.

Begonnen haben wir mit der Flasche, die mir aus dem LEH bekannt vorkam -
Loire le Cheteau brut, 12%. Ein bisschen grüner Apfel, ein bisschen grasig, eher leicht im Stil, mit prägnanter Säure. Wahrscheinlich keine schlechte Wahl, um einen Kir oder einen Apérol Sprizz zu mischen.

Nummer zwei: De Chanceney, Crémant de Loire brut, 12,5%. In der Nase grüner Apfel und Haselnuss. Auf der Zunge Brioche-Noten, leicht cremig, nussig, runder und weicher als der Vorgänger, ebenfalls säuerlich und eher leicht im Stil.

Am nächsten Abend gab es einen sortenreinen Crémant: Veuve Amiot, Chardonnay brut, 12,5%. In  der Nase nussige Töne, geröstetes Butterbrioche, weiße Blüten. Auf der Zunge Birnenfrucht und Honigmelone, dezente Säure, schön trocken, harmonisch, wirklich gut gemacht, auch wenn er nach hinten ein bisschen abbricht. Hat uns neben dem vieldiskutierten Buhl-Sekt an Silvester sehr gut gefallen.

Neues Jahr, die zweite Hälfte des Loire-Pakets wollte verkostet werden. Auf dem Plan und damit auf dem Tisch: Louis de Grenelle, brut, bio, 12,5%.
Ananas, säuerliche Zitrusfrucht, mehr Säure als der Chardonnay, eher leicht im Stil und für unseren Geschmack einen kleinen Tick zu süß.

Letzter Crémant auf dänischem Boden (wir verbrachten den Jahreswechsel, wie gesagt, bei der Schwiegerfamilie auf Sjælland): Domaine Dutertre, Cuvée St Gilles.
Cremiger, nussiger Duft, weiße Blüten. Auf der Zunge feine Frucht, cremig, nussig, harmonisch und komplex - aus der Fünferreihe der Crémant, der uns (bis dahin) am besten gefallen hat und den Weihnachtsurlaub würdig beschloss.

Und dann war da noch ...

Ackermann, Cuvée Ambrosa brut, 12%. Was soll ich sagen: Richtig, richtig gut.
Ausgesprochen elegant, reife, mürbe Apfelfrucht, viel nussiger Schmelz. Feine Perlage, gute Länge, ein Samstagabendcrémant erster Klasse.

 
Ein schöner Gewinn - vielen Dank!
   




Samstag, 29. Juni 2013

Weinrallye #64: Tut den mal weg, der hier ist besser!

Was für ein Thema! "Prickelndes für den Sommer". Für welchen Sommer, möchte man da fragen, und überhaupt - Prickelndes,das klingt nach Stößchen, Tussi-Secco passend zum Tussi-Teller oder nach der ewigen Diskussion um die prämierten Discounter-Blubber.

Aber da war doch was ...Was für ein Thema! "Perlen". Endlich mal haben wir am Vinocamp-Wochenende nichts vor, wohnen praktisch um die Ecke, und dann das.
 Soweit zur ersten Reaktion auf die Ankündigung auf Facebook.



Gut. Angemeldet.Tickets für die Party gebucht. Themen für die Sozialen Weinproben gecheckt.

Zu keiner irgendwas im eigenen Keller gefunden (oder eine Idee, wo man kurzfristig was herkriegt, gehabt).

"Old school sparkling - Fokus auf Méthide Ancestral/Rural". Méthode was? Nie gehört. Angemeldet.
Torsten Goffin bietet diese Probe an, erzählt über die Geschichte, die Herkunft, die Faszination - und den möglichen neuen Hype. 15 (?) Weine stehen auf dem Tisch. 15 Überraschungen.

Für alle, die genau so wenig Ahnung vom Thema Methode ancestral haben: Weine, die im Tank/Fass angegoren werden, bei ca. 4-5% Alkohol filtriert und dann auf Flaschen gezogen werden, wo sie, dank verbliebener Hefereste, weitergären. Zum Teil werden sie später dégorgiert, zum Teil bleiben sie leicht trüb, von ziemlich trocken bis sehr süß ist alles dabei.
Unser Fazit: Spannend - nichts für Weintrinker, die eine sichere Bank brauchen. Enttäuschungen sind drin.
Auch Flaschenschwankungen, trotz des Verschlusses mit Kronkorken. Zitat - siehe Überschrift.
Aber eben auch echte Überraschungen und neue Geschmackserlebnisse.

Unser  Favorit:


La Talle aux Loups
Triple Zero
Jacky Blot
Loire
Chenin blanc

Keine Zugabe von Zucker, keine 2. Gärung, keine Dosage. Vin naturel. Ohoh, Orange!

Kräftiges Goldgelb, sehr klar. In der Nase viel Haselnuss, etwas Karamell. Ein fester, cremiger, nussiger Wein, schönes Mousseux, zupackend und lang.

Wow! Danke! Vorurteile, Halbwissen und Ahnungslosigkeit waren die besten Voraussetzungen für eine tolle Probe.

Was uns noch gefallen hat:

Frimousse
"Des bulles en liberté"
Nathanel Parnaudeau
Gaillac

Massig Kohlensäure, überschäumende Flasche, der Tafelschwamm (hochSCHULE) rettet.
Sehr zitronig, apfelig, ziemlich trocken. Gut!



Le 7
Domaine du Fontenay
Côte rouannaise
Véritable Méthode Ancestrale

Hellrosa, süßliche Kirschfrucht. Gamay. (ha! Ich hab's doch gesagt!).
Der Wein mit dem passenden Song - die RN7, die längs durch das Anbaugebiet führt.



Sonntag, 1. Juli 2012

Roussiwas? Roussillon!

Weinreisen bilden, Weinproben aber auch. Und um so mehr, wenn die Vorauswahl durch einen renommierten, profilierten und versierten Sommelier, in diesem Fall Guy Bonnefoit, erfolgt. 

Es ging ums Roussillon, zehn Weine, zehn Typen, zehn Profile.

Und es ging ums unterschätzte Roussillon – bekannt und berühmt ist der französische Südwesten vor allem für seine Vins doux naturels, deren Tradition Hunderte von Jahren zurück reicht. Eine Region mit großer Vergangenheit: Das Roussillon gehört erst seit rund 400 Jahren zu Frankreich, ursprünglich war es Bestandteil des Königreichs Mallorca, gesprochen wurde dort also Català, was sich bis heute in Eigennamen und Bezeichnungen – auch in der Weinsprache – niederschlägt. Als Erfinder des Vin doux naturel, der zunächst rein aus Muscateller/Moscatel/Muscat hergestellt wurde, gilt der Arzt Arnaldus de Villanova, der Ende des 13. Jahrhunderts an der Universität von Montpellier lehrte.

Dass heute unter den Appellationen Côtes du Roussillon, Côtes du Roussillon Villages und Collioure auch kräftige Rotweine, vornehmlich aus Syrah, Grenache noir, Carignan und Mouvèdre, erzeugt werden - hinlänglich bekannt. Weißweine aus dem Roussillon? Bislang eher Nischenprodukte, zu Unrecht, wie diese kleine Probe bewies.

Zehn Weine also, fünf klassische Vins doux naturels, aber zunächst fünf Weine aus den Weiß- und Rotweinappellationen.

2008 Côtes du Roussillon blanc A.O.C., „Les Sorbiers“, Vielles vignes
Domaine des Chênes, Razungles&Fils
14%
Eine Cuvée aus Grenache blanc (60%) und Macabeu (40%), gewachsen auf steinigem Lehm-Kalk-Boden, auf der Feinhefe liegend im Barrique ausgebaut.
In der Nase leicht medizinale Noten, Jod, getrocknete Orangenschalen, ein bisschen Liebstöckel und Lorbeer, nussige Holzwürze.
Auf der Zunge trocken und leicht salzig, vegetabile Töne, kräutrige Würze, alkoholbetont, gute, feste Länge.
Schöner weißer Einstiegswein auf hohem Niveau, Bonnefoit empfiehlt dazu Meeresfrüchte und Fisch, nicht allzu rustikal zubereitet.

2010 Côtes du Roussillon rosé A.O.C., Trémoine de Rasiguères
Les Vignerons de Planézes, Rasiguères
13,5%

Überwiegend Syrah (75%) mit etwas Grenache noir (15%) und Carignan (10%), gewachsen auf Böden, die vorwiegend aus Schiefer mit etwas Granit bestehen.
Der Wein überrascht durch seine eigenwillige Farbe, ein helles, dünnes Erdbeerrot, das sehr rosé-untypisch wirkt.
Feiner kirschiger Duft, leicht alkoholisch, ein bisschen flüchtig, dropsige Noten, Gewürztöne, die an Wacholder und Anis erinnern.
Auf der Zunge süßliche Frucht, Kirsche, Himbeere, rote Pflaume, leicht austrocknend, würzige Noten, Strohblume und Heu, ein bisschen laktisch, etwas künstlich und dropsig.
Ein guter Sommer- und Terrassen-Rosé zu mediterraner Sommerküche, Fisch, Gemüse, durchaus auch zu einer rustikalen Pizza, eine klassische Pissaladière würde dieser Wein ebenfalls gut begleiten.

2008 Côtes du Roussillon Villages A.O.C., Château de Pena
Cave des Vignerons de Cases de Pène
14%

Grenache noir (40%), Syrah (35%) und Carignan (25%), die Syrah- und Grenachetrauben wurden vor dem Keltern entrappt, der Carignan wurde mittels Kohlensäuremaischung (macération carbonique) vergoren, danach erfolgte der Ausbau für 12 Monate in neuen Holzfässern.
Die Weinberge stehen entlang der Anhöhen von Corbières auf Mergel und schwarzem Schiefer, perfekt nach Süden hin ausgerichtet.
Süßlicher, intensiver Duft nach Mokkaschokolade, Leder, schwarzen Beeren und Gewürznelken, ein bisschen Veilchen und Fliederbeere, leicht salzige mineralische Noten.
Im Mund kräftig und stoffig, wuchtiger Körper, dicke Frucht von schwarzen Beere, Dörrzwetschgen, süßliche Töne, Schokolade, Kakao, Mokka, unterlegt mit viel salziger, straffer Mineralik.
Ein Wein, der erst im Anfang seiner Entwicklung steht, ein hervorragender Essensbegleiter. Gut vorstellbar zu Wild, Lamm, kräftigen Schmorgerichten, aber auch zum Käse.

2008 Côtes du Roussillon Villages Tautavel A.O.C., ”Prieure”
Domaine Fontanel, Estagel
14,5%

Überwiegend Syrah (65%) mit Grenache (25%) und einem kleinen Anteil Mourvèdre (10%), vor dem Keltern entrappt, 25 Tage Maischegärung, danach 18 Monate in neuen Eichenfässern ausgebaut, die Reben wachsen auf extrem trockenen und steinigen Lehm-Kalkböden.
In der Nase dichter, stoffiger Duft nach schwarzen Früchten, Leder, Zimt, leicht medizinale Noten, animalische, fleischige Anklänge, kräutrig, ein bisschen nach Eisen und rohem Blut.
Am Gaumen süßliche Frucht, Holunder, getrocknete Datteln, Schlehe, sehr mineralisch, wieder Eisen, Blut, Teer und Graphit. Deutlicher Alkohol, lang, ein bisschen austrocknend.
Ein fleischiger Wein, der sicher gut mit rotem Fleisch harmoniert, mit Zubereitungen mit Karamell und süßlichen Noten, der es auch gut mit erdigen Aromen von Pilzen oder Roter Bete aufnehmen kann.

2008 Collioure rouge A.O.C., “La Pinède”
Domaine La Tour Vieille, Collioure
13,5%

Eine Cuvée aus Grenache noir aus 30 bis 40 Jahre alten Reben (75%) und Carignan (25%), ebenfalls aus einer 40 Jahre alten Anlage, gewachsen auf reinem Kambriumschiefer.

In der Nase deutlich Cassis und Brombeer, Heu, Gewürznoten von schwarzem Pfeffer und Nelke, leicht animalisch wirkend, Anklänge von Bitterschokolade, Mokka und Salmiakpastillen.
Auf der Zunge viel dicke, süßliche Frucht, Eukalyptusnoten, grüne Paprika, eine leichte Schärfe, sehr dicht, aber auch sehr straff gewirkt, unterlegt mit kräftiger Mineralik.
Wieder ein Fleisch-Wein, gebratenes Wildgeflügel oder Fleisch vom Grill dürften bestens dazu passen, gerne auch mit schwarzen Beeren in der Sauce, auch ein nicht zu reifer Roquefort ist als Begleitung gut vorstellbar.

Die folgenden fünf Weine gehören zu den typischen Roussillon-Gewächsen, Vins Doux Naturels, kraftvolle, süße Rot- und Weißweine, deren Gärung durch Zugabe von Branntwein gestoppt wurde, so dass sowohl Alkohol als auch Zucker generell hohe Werte erreichen. Interessanter Nebenaspekt dieser Probereihe waren die deutlich schmeckbaren unterschiedlichen Stile.

2009 Muscat de Rivesaltes V.D.N.A.O.C., Arnaud de Villeneuve
Les Vignobles du Rivesaltes, Rivesaltes
15,5%

Dieser Vin doux naturel wurde aus Muscat gekeltert, je zur Hälfte aus Muscat à petits grains und Muscat d’Alexandrie, einer Spielart, die heute vor allem in Spanien verbreitet ist.
Der Wein hat eine zwölfstündige Maischestandzeit durchlaufen und lag die letzten sechs Monate vor dem Abfüllen auf der Feinhefe, die Rebstöcke stehen auf Lehm-Kalk.
In der Nase klar und strahlend, reife, saftige Aprikosenfrucht, Honig, Salzkaramell, cremiger Schmelz.
Auf der Zunge kandierte exotische Früchte, Ananas, süße Honigmelone, Minzaromen, Zitronenmelisse, zarte Ingwertöne, ein bisschen Menthol, sehr cremig und weich.
Gut vorstellbar zu Desserts mit Melone und Steinobst, zu Gerichten mit Ziegenfrischkäse, Lavendelhonig, Thymian, aber auch zu feinen süßen Mehlspeisen.

2007 Muscat de Rivesaltes V.D.N.A.O.C. “Biodynamie”,
Domaine Cazes, Rivesaltes
15%

Eine Cuvée aus Muscat à petits grains und Muscat d’Alexandrie, gewachsen auf Kambriumschiefer.
Saftiger, straffer und fester Duft nach kandiertem Steinobst, reifen Mirabellen, Orangenschale, rosa Grapefruit, Honig und Bienenwachs.
Auf der Zunge sehr orangig, süße, rosa Grapefruit, Rosenholz, Zedernholz, ein bisschen Bitterschokolade,kandierter Ingwer, florale Anklänge von Jasmin und Lindenblüte, oxidativer Stil.
Ein Wein, der viel Luft braucht, um sich zu entfalten, der spontan unzugänglichste unter den fünf Vins doux naturels, der sich im Laufe des Abends aber zum heimlichen Star mauserte.
Ein schöner Begleiter klassischer Desserts, von der Crème brûlée über Birne mit Roquefort zu Ziegenquarkzubereitungen, auch zu buttrigen Blätterteigvariationen mit Crème und pochierten Früchten.

2004 Rivesaltes Ambré Hord d’Âge V.D.A.O.C., Château Les Pins,
Vignobles Dom Brial, Baixas
16%

Überwiegend aus Macabeu (50%) gekeltert, dazu in gleichen Teilen Grenache blanc (25%) und Malvoisie (25%), das Durchschnittsalter der Rebstöcke liegt bei 25 Jahren, der Ertrag  wurde auf 30hl/ha heruntergefahren, die Weine wachsen auf steinigen Terrassen aus dem Quartär.
In der Nase viel Orange und süße Mandarine, Dörraprikose, Verveine, Angostura, leicht medizinal, dazu süßlicher malziger Pumpernickelduft und würzige Sellerienoten.
Auf der Zunge wirkt der Wein überraschend, Walnuss, schwarze Möhre, Kaffeelikör und Sandelholz, wieder malzige Noten, Spekulatiusaromen, Liebstöckel und Wiesenheu.
Der erste Vin doux naturel des Abends, den man sich auch als Apéritif und zur Foie gras oder selbst zu Schmorgerichten vorstellen kann, aber natürlich auch zu Desserts mit Bitterschokolade und Weihnachtsgewürzen.

2000 Banyuls V.D.N.A.O.C.,
SCV Le Dominicain, Banyus-sur-Mer
16,5%

Ein reiner Grenache noir, lange Maischestandzeit in den traditionellen kegelförmigen Holzfudern, die Weine wachsen auf Kambriumschiefer.
Tiefer, intensiver Duft nach Kakao, Tabak, Sojasauce und schwarzen, konfierten Kirschen, fast wie ein alter Sherry P.X., kandierte Zitrusschale, ein bisschen scharfe Minze, Malz, Zimt, geschmorte Zwiebel.
Auf der Zunge ein Geschmack nach Melasse und süßem, feuchten Schwarzbrot, Schwarzkirsche, Malz, schwarze Möhre, würzige Noten im Abgang.
Wieder ein Wein, der nicht nur mit Süßem harmoniert, zu Trüffelgerichten dürfte er eine hervorragende Ergänzung sein sein. Er passt aber natürlich auch zu dicken Desserts, klassischem Frankfurter Pudding, vielen (Bitter-)Schokoladenvariationen und zum Käse.

2000 Maury rouge Prestige V.D.N.A.O.C.,
Domaine du dernier Bastion, Maury
15,5%

Dieser Wein ist eine Cuvée aus Grenache noir, Grenache gris und Macabeu, gewachsen auf grauem Schiefer, mit einem Ertrag von nur 22hl/ha, sieben Jahre lang nach traditioneller Weise in alten Eichenfässern ausgebaut.
Intensiver Duft nach Pomeranzen und getrockneten Datteln, nussige Noten, kandierter Ingwer, Malz, Karamell, sehr reifer Balsamico, Lorbeer und Wacholder, ein bisschen Sojasauce, Heu und Waldboden, Melasse, Lebkuchen, Armagnacpflaume.
Auf der Zunge dicht, fest, wuchtig, süßlicher Esskastaniengeschmack, Kastanienhonig,nussige Noten, exotische Gewürze, viel dunkles Karamell, unter allem eine typische schiefrige Mineralik.

Ein grandioser Wein, extrem oxidativ, extrem überraschend. Als Begleitung zum Essen könnte er das ganze Spektrum von der deftigen Wildterrine zur Vorspeisen über geschmorten Ochsenschwanz oder braisierte Ente bis zu fast allen Käsevariationen und final dem Dessert abdecken. 

Roussillon?  Ja, und wie!

Donnerstag, 8. März 2012

Ich? Weiß!

Ich trinke weiß. Oft. Meistens. Also, eigentlich fast immer. Ja, mir schmecken Frühburgunder und St. Laurent, ich habe sehr ordentliche rote Südtiroler und Toskaner im Keller liegen, ein Megalith wartet nur noch auf die perfekte Gelegenheit, der Clos des Mouches von Drouhin und der Côte-Rôtie "Seigneur de Maugiron" von Delas waren auf der Prowein Highlights. Und die Spätburgunder von Jost und Kühn. Und die von Hajo Becker. Und der Zweigelt vom Koegler. Und und ... und die Top Ten, die wir gestern verbloggt haben.
Aber wenn ich einfach nur die Wahl habe zwischen rot und weiß, dann will ich weiß. Ganz einfach.

Ganz einfach? An dieser Stelle schaut mir der Hospitant über die Schulter. Spontane Reaktion: Schnappatmung. "Das kannst Du doch nicht schreiben! Susas und Hs und Arturs laden uns nie wieder ein, wenn sie das lesen! Und der Ole schon dreimal nicht!" Mein schüchterner Einwand, die hätten doch auch weiß im Keller, wird hinweggefegt. Mein etwas deutlicherer Hinweis, er habe, etwa nach der Portugieserprobe am Sonntag, doch selbst..., wird ignoriert.
Klar. Trinke ich rot, bleibt mehr weiß. Dann trinkt er weiß. Tut er nämlich. Oft. Meistens. Fast immer.

Auch am Montag. Bordeaux ist nämlich auch weiß. Manchmal.

Die Top Seven:

Platz 7: Ferrande, ein bisschen rauh, leicht rustikal (85)
Platz 6: Rahoul, leichtfüßig, feines Säurespiel (87)
und Olivier, oxidativer ausgebaut als die Meisten, aber gut (87)
Platz 5: Bouscat, gute Konzentration, nussig, gute Länge (88)
Chantegrive, harmonisch, ein bisschen glatt (88)
Chateau Carbonnieux, frisch, grüne Noten, ein bisschen rauh, deutliche Holznote (88)
La Louvière, tief, gute Länge (88)
Platz 4: Domaine de Chevalier, komplex, fein, gute Länge, hat Biss (89)
Latour-Martillac, nussig, sehr klar und geradelinig, komplex (89), 
Malartic-Lagraviére, viel Substanz und sehr lang (89), 
Pique Caillou, sehr harmonisch, es fehlt ein bisschen Druck, wirkt ein bisschen dünn, fast wässrig, (89)
Platz 3: Pape Clément, tief und klar, eher schlank, aber mit Finesse (90)
Platz 2: Larrivet Haut-Brion, körperreich, konzentriert, sehr lang (91)
Platz 1: Smith Haut Lafitte, gute Konzentration und Länge, sehr klar und strahlend, braucht Luft (93)

Sonst noch was? Oh, ja. Sauternes und Barsac.

Da gibt es nur die Top Five:

Platz 5:
Guiraud, sehr süß, ein bisschen dumpf und breit (88)
Platz 4: Bastor-Lamontagne, rauchig in der Nase, gute Konzentration, ein bisschen scharf,  Mandarine, Orange, bittersüß (90) 
Platz 3: Doisy Daene, sehr feingliedrig, geschliffen, feine Säure (90)
Platz 2: Coutet, cremig, fülle, geröstete Noten, Krokant (93)
Platz 1: Laufaurie-Peyraguey, Orangenschalen, gut eingebundenes Holz, exotische Früchte, super lang (93)

Aber das war's wirklich. Ich weiß, er weiß, wir wissen: Jetzt gibt's endlich weiß.
Völlig überraschend.


Mittwoch, 7. März 2012

À l'attaque!

Ein Höhepunkt der Prowein ist die Bordeaux Grand Cru Probe der Sopexa. Früher in den Rheinterrassen, seit 2010 auf dem Messegelände in der Stadthalle. Mit Voranmeldung, Bestätigung, nur "geladene Gäste" sozusagen.

Ein Start mit Hindernissen - mäßige Ausschilderung, pures Chaos bei der Ausgabe der Tagespässe.
"Sie haben sich angemeldet?" - "Ja." - "Worunter, Firma oder Nachname?" - "Äh, ich hab alles ausgefüllt." Hektisches Wühlen in Etikettenpapierstapeln. An allen fünf Anmeldestellen, wohlgemerkt. "Ach, ich schreibe Ihnen schnell ein Namensschild!". Nach 10 Minuten heißt es dann nur noch "Gehen Sie schon mal zur Verkostung, ich suche Ihnen Ihr Schild raus, das können Sie sich dann in einer halben Stunde abholen!" Währenddessen wird eine Mitarbeiterin losgejagt "Hol mal schnell Visitenkartenhüllen mit Klemme, 50 Stück, ach nee, lieber 100!".
Meinen Tagespass habe ich auch nach anderthalb Stunden nicht (wie geschätzt 75 Prozent der Besucher), dafür aber ein liebevoll handgemaltes Kärtchen. Nein, darauf kommt es nicht an, aber wozu dann die Anmeldeformalitäten - wenn doch jeder einfach so reinspazieren kann?

Aber zur Hauptsache.
Keine Angst, hier folgen jetzt keine detaillierten Notizen von rund 130 Weinen, die wir eh nicht alle, aber immerhin FAST alle probiert haben, und außerdem waren auch ein paar renommierte, im Katalog gelistete Winzer gar nicht erst da. Châteaux, pardon.

Die Highlights, erst mal in rot.
Vorab: Nur vereinzelt gab es zu überkonzentrierte, marmeladige Weine. Vielleicht ist die Besinnungphase im Bordelais in vollem Gange - weg vom Parker-Stil. Der Jahrgang gab es natürlich auch her, Substanz, Dichte, aber trotzdem Eleganz und Finesse. (Wenn man's kann.)

Unsere Top Ten:

Nicht auf dem Treppchen, aber erwähnenswert: Angludet (89 DJ-Punkte). Schwarze Beeren, reife, süßliche Frucht, gute Länge. Super PLV.

Platz 10: Brane-Cantenac. Konzentriert in der Nase, viel Stoff und Fleisch, leicht animalisch (90).

Platz 9: Canon. Konzentriert aber elegant, gute Länge, ein Schmeichler, ein bisschen zu zugänglich (90).

Platz 8: Léoville-Barton. Holzbetont, dichte Struktur, spürbare, aber weiche Tannine (91).

Platz 7: Rauzan-Segla. Bereits jetzt sehr viel Trinkgenuß, elegant, komplex und mit guter Struktur (91).

Platz 6: Lascombes. Elegant, schwebend, gute Struktur (92).

Platz 5: Lynch-Bages. Leder, holzbetont, leicht animalisch in der Nase (92).

Platz 4: Kirwan. Richtig, richtig gut, mineralisch, sehr gute Länge (92).

Platz 3: Gruaud Larose. Gute Konzentration, voluminöser Körper, mundfüllend, seidig (92-93).

Platz 2: Comtesse. Sehen wir ganz weit vorne, kühle Mineralik, ein Tick Holunder, sehr lang und harmonisch (93).

Platz 1: Figeac, Figeac, Figeac. Viel Druck und Potential, eigener Stil, straffer Körper. Groß! (95).
Wir sind da auch ganz bei Susanne - immer eine überaus kompetente Combattante.

Leider nicht verkostet und darum nicht bepunktet: Canon-la-Gaffelière
Als wir kamen, waren die zwölf Flaschen schon leer, und der Comte bedauerte wortreich und charmant. Kurz OT: Dieses Mal war der léger über den Maßanzug drapierte Cashmerepullover nicht orangefarben, sondern pink - möglicherweise, weil ein  Kollege am anderen Ende des Saals ihn frech plagiiert hatte und seinerseits orange Pulloverfarbe on top zeigte? Mon dieu ...

Jammern auf hohem Niveau. Ich weiß! Und morgen gibt's mehr davon - in weiß.