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Samstag, 2. Juli 2016

Wenn das Sommers Wolken ziehen ...

.. darunter konnte ich mir früher nicht viel vorstellen. Ich habe das Lied in der Grundschule gelernt - von einem Lehrer, der offensichtlich jugendbewegte Wurzeln hatte. Viele "seiner" Lieder habe ich später in meiner kurzen besuchsbündischen Zeit wieder getroffen.

Seitdem ich, seitdem wir im Sommer alljährlich nach Dänemark fahren, nach  Nordsjælland, genauer gesagt, haben die Sommerwolken Gestalt angenommen. Der herrliche nordische tiefblaue Sommerhimmel, die Weite, die Wolken ... mein Sommerzuhause.

Wir sind in diesem Sommer öfter als geplant im Norden, leider. Das Gefühl, dass alles falsch ist, hat sich verzogen Es ist wie es ist.





Nach zwei Wochen sind wir gerade wieder zurück gekommen. Haben dort kubikmeterweise Papiere durchgeblättert, entschieden, aufgehoben, entsorgt. Kleidung, persönliche Habseligkeiten, Kleinkram. Haben ein paar Tränen zerdrückt und auf dem wunderschönen Friedhof in Asminderød Photos und schlechte Witze darüber gemacht, dass der neue Grabsten noch nicht da liegt - "nach Diktat verreist". Das hätte ihr gefallen.




Wir haben ein herrliches Wochenende mit den alten Schulfreunden des Dänen verbracht, grandios gekocht, tolle Weine getrunken und als krönenden Abschluss ein geniales Dessert gegessen.





Salzkaramelleis, Holunderblüten-Mascarpone-Crème, marinierte Erdbeeren, Waldbeereneis, Macaronrasp. Inspiriert durch eine Dessertidee unserer Freundinnen von hundertachziggrad,  erweitert um das geniale Salzkaramelleis von schönertagnoch.



Dazu unsere 2011er Auslese aus dem Fürstenberg und eine 2006er BA von Lars. YESS!

Dienstag, 1. September 2015

Genug ist genug


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Ich gestehe: Als die ersten "Blogger für Flüchtlinge"-Posts auftauchten, habe ich gedacht: Gut gemeint.
Ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, dass in der Welt der Grubenhandtücher, gescheuerten Bohlentische und dekorativ arrangierter Kräuterstängel Platz gemacht wird für klare Worte. Jenseits der Bekenntnisse zu regional, authentisch, nachhaltig - name it.


Ich lag falsch. Erstaunlicherweise, glücklicherweise.

Und ich habe mich dann gefragt, was ich noch schreiben kann, was nicht schon gesagt wurde, nur eben nicht von allen.

Darum möchte ich an dieser Stelle zunächst auf das Projekt Blogger für Flüchtlinge verlinken - große Klasse. Hilfestellung für Hilfe. Jeder kann was tun. Danke.
 
Dann auf ein paar befreundete Blogs:
Dirk auf Würtz-Wein
Susa von hundertachtziggrad 
Dorotheée aka Bushcook
Eline vom Küchentanz
Jörg bei Utecht schreibt
Astrid auf Arthurstochterkocht

Und dann, wer mich ein bisschen kennt, weiß, wo und was ich arbeite, ein paar Filme/Texte zum Ansehen und Nachdenken. 
*klick*
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Wir beschäftigen uns seit langem mit dem Thema. Wir berichten, wir hinterfragen, wir versuchen, aufzuklären und, vor allem, "den Flüchtlingen" ein Gesicht zu geben. Viele Gesichter. Und, ja, wir verschließen die Augen dabei nicht vor den negativen Geschichten, die es auch gibt. Das sind wir unserem Job, unserem Auftrag schuldig.

Aber es geht es doch, verdammt noch mal, zu allererst um Menschen. Menschen in großer Not. Menschen, die alles hinter sich gelassen haben, in der Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben. Und ja, auch, wenn es "nur" aus wirtschaftlichen Gründen ist. Wer will es einem Menschen verdenken? 

Ja, das kostet Geld. "Uns", das Land, in dem wir leben, unser Sozialsystem. Verdammt viel Geld. Aber: Wir, wir als Bürger,  wir als Gemeinschaft, wir als Land, wir leben im Wohlstand. Im weltweiten Vergleich sogar im Luxus. Nicht im gleichmäßig verteilten, aber daran würde sich auch nichts ändern, wenn wir die Flüchtlinge nicht aufnehmen würden.
Dafür bekommen wir als Bürger, wir als Gemeinschaft, wir als Land auch verdammt viel zurück. Nicht gleich, aber auf Dauer. Stichwort Nachhaltigkeit.
Die Menschen, mit denen ich, mit denen meine Kollegen gesprochen haben, die wollen etwas tun. Die wollen etwas leisten. Der Restaurant-Azubi aus Eritrea, der angehende Mechatroniker aus Afghanistan, der syrische Arzt. Sie alle sind gekommen, weil sie Mut haben, weil sie Träume haben, weil sie bereit sind, alles dafür zu geben.

Es ist unsere verdammte Pflicht, etwas für diese Menschen zu tun. Und es erfüllt mich mit Freude und, auch wenn ich nichts dafür kann, Stolz, zu sehen, wie viele Bürger dieses Landes spontan, engagiert, ehrenamtlich in die Bresche springen. 

Es macht mich wütend, dass die Politik häufig so schleppend reagiert, statt zu agieren. Ich will keine Minister mehr durch Aufnahmeunterkünfte laufen sehen und wohlfeile Sätze in die Mikrophone sprechen hören. Ich will, dass unsere Regierung Position bezieht, statt Vorwahlkampf zu betreiben. Ich will, dass Bürger, dass Institutionen, die helfen wollen, nicht durch unsinnige Regeln behindert werden.

Und ich will, dass die "man muss doch mal sagen dürfen"-Wutbürger, die Menschen, die nichts besseres zu tun haben, als Armut und Elend landsmannschaftlich hochzurechnen und aufzuwiegen, nicht mal im Ansatz das Gefühl haben dürfen, sie seien mehr als ein unterm Strich vernachlässigbarer Wurmfortsatz ewig gestriger, dumpfer verabscheuenswürdiger rechter Stimmungsmacher. 

Genug ist genug. Es ist Zeit für Klartext.

Sonntag, 28. Juni 2015

Weinrallye #87 - Winzerinnen: Keine Schaumschlägerinnen!



Dorothee aka Bushcook lädt zur Weinrallye.

Unter einem Motto, das beileibe kein neues ist,  destotrotz eins mit Gesprächswert - Frauen und Wein. Frauen, die Wein machen. Oder anders: Machen Frauen anders Wein?

 Eine Frage, bei der sich die Champagne als Spielort (und ohnehin Ziel unseres Kurzurlaubs direkt vor der Weinrallye) geradezu aufdrängt. Wer an Champagner denkt, denkt an Veuve Cliquot, an Viriginie Tattinger, an große Champagnerhäuser, die selbstverständlich von Frauen geführt werden, und das nicht erst seit kurzem.

Die Tradition


Eher zufällig und ohne Terminvereinbarung (was für die meisten Champagnerhäuser ein No-Go ist und in unserem Fall einer Reihe unglücklicher Umstände geschuldet war) stolpern wir in Avize ins Traditionshaus Michel Gonet. Seit 1802 gibt es das Weingut, der Vater der jetzigen Inhabergeneration hat es deutlich ausgebaut und als Marke etabliert. Wir reden von 40 Hektar Weinberge in der Champagne, der Großteil der Trauben wird unter dem Label Michel Gonet sowie einigen anderen Namen verarbeitet. Zum Unternehmen gehören auch noch zwei Weingüter im Bordelais, die von den beiden Gonet-Söhnen geleitet werden. Sophie, die Tochter, eine drahtige, energische Person mit viel Charme - führt das Stammhaus in der Champagne in 7. Generation.
Zu unserer Überrachung und Freude begrüßt sie uns selbst und beschert uns eine hochinteressante und durchaus amüsante Probe.
Sophie lässt keinen Zweifel daran, dass für sie der Champagner weiblich ist - und dass Frauen dafür ein besseres Händchen haben. Filigran, vielschichtig, manchmal ein bisschen kaprizös, aber immer lebendig, mit viel Esprit. Wie die Winzer, so die Weine. (Mein Credo. Bis darauf, dass ich finde ... dazu unten mehr.)
Im Hintergrund, so erzählt sie, hätten die Frauen häufig schon lange oft das Sagen gehabt, zunehmend sei das jetzt auch nach außen sichtbar - und verunsichere so manchen Mann. Seit kurzem macht sie auch Kommunalpolitik, managt die Familie nach dem Tod ihres Mannes in diesem Frühjahr alleine, hat sich für das kommende Jahr den Umbau der Kellerei und den Neubau einer Vinothek mit Aussich auf die Weinberge der Côte de Blancs vorgenommen. Langeweile sieht anders aus.

Besonders gut gefallen hat uns der Champagne Michel Gonet Cuvée  Prestige 2001 Blanc de Blancs Grand Cru  Brut. Klar und stringend, kräftig, aber nicht zu opulent, geröstete Mandelnoten, ein bisschen Butterbrioche, leicht mineralisch mit einem winzigen salzigen Kick.

Aufgrund der besonderen Umstände gibt es leider keine Bilder. Die Homepage findet Ihr hier.

Das Kontrastprogramm


Der Besuch bei einer anderen Winzerin in der Champagne war schon vorher gesetzt - Solveig Tange in Soulières. Solveig stammt aus Dänemark, war in ihrem ersten Leben Journalistin und betreibt zusammen mit ihrem französischen Mann Alain das Champagnergut Tange-Gérard, seit 2009 im Vollerwerb unter dem Namen Tange Gérard. Untergebracht ist der Betrieb im Nachbargebäude von Alains Geburtshaus, seine Familie lebt seit Generationen in der Champagne, besitzt dort ebenso lange Weinberge und Äcker, verkaufte aber bis vor einigen Jahren alle Trauben an die örtliche Kooperative. Nach und nach haben Solveig und Alain die Flächen aus alten Pachtverträgen abgelöst und bewirtschaften jetzt drei Hektar selbst.

Ein paar Schritte vom Weingut entfernt liegt ein Teil der Weinberge - größtenteils mit Chardonnay bepflanzt, im unteren, eher frostgefährdeten Abschnitt stehen allerdings Pinot noir und Pinot meunier, die als weniger empfindlich gelten. Die Rebzeilen sind begrünt und wirken sehr "belebt", Schmetterlinge, Weinbergsschnecken, blühende und duftende Kräuter.(Im Schnitt sollen in der Champagne übrigens 30 Prozent der Zeilen begrünt sein, bei Tange-Gérard sind es knapp 70.)



Für uns Rieslingwinzer sehen die Weinberge etwas seltsam aus: Niedrige Laubwände, die Bögen sind knapp über dem Erdboden aus dem Stock gezogen, Chabliserziehung, enge Zeilenabstände. Das erlaubt das Arbeiten mit Überzeilenmaschinen (von uns "Dreibeine" genannt), mit denen die Laub- und Pflanzenschutzarbeiten gemacht werden



Gelesen wird per Hand - mühsam durch die geringe Höhe, wenn auch nicht ganz so anstrengend wie in der Steillage. Dafür sind die Lesekisten deutlich größer und schwerer.
Gekeltert wird in der Cooperative, alles ist genauestens festgelegt und wird streng kontrolliert. Der Schnitt in den Weinbergen, die Triebe und Trauben, die Anzahl der Flaschen, die man für den unter eigenem Label vermarkteten Champagner kauft. Und die Zahl der Steueretiketten, die oben auf die Capsule über die Agraffe klebt (und kleben muss). Einfach eine kleine Kelter kaufen, Trauben kaufen und Wein machen, hier funktioniert das nicht.

Solveig und Alain haben als Emblem für ihr Champagnergut das Wahrzeichen von Souliéres, den Stern vom Kirchturm, gewählt - und zwar so, wie sie ihn sehen. Er strahlt auf den ausgesprochen schlicht und geschmackvoll gehaltenen Etiketten, an deren Farbe man die "Qualitätsstufe" des jeweiligen  Champagners erkennen kann.

Natürlich habe ich mich mit Solveig auch über das Thema "Frauen und Wein" unterhalten. Sie sieht den Anteil der Frauen in Führungspositionen ebenfalls auf dem Vormarsch, steht aber ansonsten auf dem - sehr skandinavischen - Standpunkt "das ist doch völlig normal". Und: "Frauen machen  keine anderen Weine als Männer. Unterschiedliche Winzer machen unterschiedliche Weine, unterschiedliche Winzerinnen machen unterschiedliche Weine. Männerweine, Frauenweine, das ist hier eigentlich kein Thema." Unterschiede gebe es bestenfalls in der Kommunikation.

Das unterschreibe ich voll und ganz. Und komme auf das Credo von vorhin zurück: Die Weine sind so wie der Winzer. Da gibt es rustikale Wuchtbrummen und elegante Schöngeister, dünne Leichtgewichte, verspielte Schnörkelchen und tiefe, feste Leuchttürme. Das hat aber nichts damit zu tun, ob der Wein von einer Frau oder einem Mann gemacht wurde. Eine Winzerin kann bei entsprechenden Lagen ungemein maskuline, fleischige Weine aus ihren Wingerten herausholen, ein Winzer bei entsprechendem Weinbergspotential eher feminine Weine machen. Die Kunst ist es doch, das, was da draußen wächst, mit dem wir uns so wahnsinnig viel Mühe geben, vom Schnitt bis zur Lese, dem Raum zu geben und es abzubilden.

Und noch ein Satz, der exemplarisch steht für die Leidenschaft, den Willen und das Wissen um die Mühe und die Nerven und den langen Atem, den man und frau für Weinbau und speziell für Champagner braucht: "Ich würde das Büro nie wieder mit diesem Leben tauschen, mit dem im Weinberg, im Keller und im Kontakt mit den Weintrinkern." Das sagen beide.

Zeit für Solveigs Wein. Oder ist es Alains Wein? Es ist der Wein von Tange-Gérard. Wer macht was. Wen interessiert das. Beide machen alles.
Wir beginnen mit dem Champagne Tange-Gérard Blanc de Blancs Brut 2008. In der Nase verhalten nussig, weiße Blüten, zarte Röstaromen, Zitrustöne. Auf der Zunge nussig, etwas Schmelz, mit mehr Luft zunehmende Cremigkeit, duftig und zartblumig, feines Mousseux, gute Länge.
Konsequent, straight, sehr präzise gesetzt und trotzdem nicht freudlos und streng. Ein intelligenter Wein. Der das widerspiegelt, was man hier sieht, atmet und lebt. Die Weine sind wie ...

Und das ist nur der Anfang. Wir haben das ganze Sortiment verkostet, über den Rest erzählen wir demnächst hier und anderswo.

Solveig schreibt einen Blog auf Englisch und Dänisch, ihre Homepage findet Ihr hier.

Donnerstag, 28. Mai 2015

Drei Wochen war der Frosch so krank ...

... nun, genauer gesagt waren es jetzt schon sieben Wochen. Sieben Wochen, die uns gezwungen haben, komplett umzudisponieren. Umzuplanen, neu zu denken.
Weniger wichtige Dinge abzusagen oder zumindest weit nach hinten zu schieben.
Unumgängliche Dinge anders zu organisieren. Freunde und Familie um Hilfe zu bitten.
Biegen und Binden im Weinberg. Biodünger verteilen. In der Einzelstockerziehung die Pfähle gerade rücken  oder neu einschlagen. Mähen. Ausbrechen. Weine filtrieren. Füllen.
Vom alltäglichen Kleinkram (Duschen, Anziehen, Schuhe zuschnüren, Waschmaschine befüllen, Wäsche aufhängen, volle Kochtöpfe von links nach rechts heben, Nudeln abschütten, Einkaufskorb anheben, Wasserkisten ... mal ganz abgesehen.

Nichts Lebensbedrohliches war passiert, aber mit einem gebrochenen Schlüsselbein lebt, bewegt, hebt und trägt es sich anders, das habe ich gelernt.
Und dazu, wie wichtig und tragfähig dieser blöde Knochen ist, wenn er denn heil ist und nicht beim blöden Sturz in drei gleichmäßige Stücke zerbrochen ist.
Es geht voran. Jetzt raucht sie nicht, aber sie trägt wieder, Gott sei Dank.
Vielen, vielen Dank an alle Unterstützer. Abstützen durfte ich mich übrigens auch nicht.

Freitag, 28. November 2014

Weinrallye #80: Nach dem Herbst ist vor dem Herbst

Es ist wieder Freitag, es ist wieder diese Bar Weinrallye, und es fühlt sich ein bisschen an
wie der Groundhog Day. Und dieses Mal sind wir auch noch die Gastgeber!

Also: Ernte 2014 - Eindrücke, erste Bilanz, Meinungen.

Und ich muss dir jetzt erzählen, was mir widerfahren ist... jetzt seh ich die Zukunft positiv, denn ich bin Optimist.


Das Jahr ist irgendwie vorbei gerast, was waren wir froh, deutlich vor dem außergewöhnlich frühen Austrieb mit Schneiden und Binden fertig geworden zu sein. Dann wurde es erst zu Ostern und dann zu Pfingsten richtig warm, nein, heiß, frühe Blüte, die Reben explodierten geradezu, und wir mussten uns beeilen, mit Mähen, Grubbern, Mulchen und Spritzen hinterher zu kommen. Indess: Picobello saubere Laubwände, kein Pilzdruck, keine Krankheiten, bis weit in den Juli hing es wun_der_schön.

Bis zum Tag, als der Regen kam. Und es warm blieb. Und die Peronospora explodierte.
Und es regnete ... Von Woche zu Woche, später von Tag zu Tag konnte man die Menge, die im Juli noch so exorbitant erschien, schrumpfen sehen.

Wo man auch hinschaute und -hörte, wurde aus Skepsis Nervosität, aus Unkenrufen Totengesänge. Der Arschjahrgang 2014 war schon lange vor der Lese geboren (und wurde, um das vorweg zu nehmen, sang- und klanglos beerdigt).

Ja, einfach war der Jahrgang nicht, die Kirschessigfliege tobte bei den roten Sorten, vielerorts gab es Probleme mit Essigfäule, die vor allem bei Anlagen, die vom Vollernter gelesen werden, extrem sorgfältige Vorselektion erforderten. Ach: Und wenn ich noch einmal hören oder lesen muss "Einfach kann jeder! ... liebe Leute, zur Abwechslung hätte ich nichts, aber auch gar nichts gegen einen wirklich einfachen, tollen, gesunden und, wenn man will, überreifen Jahrgang.

Trotzdem - was uns persönlich angeht - wir konnten Anfang Oktober die Trauben aus unseren beiden Rauenthaler Lagen Rothenberg und Wülfen (beide EG-qualifiziert) bei strahlendem Sonnenschein kerngesund in schöner Spätlesequalität ernten.

In unseren Parzellen am Mittelrhein waren die Mostgewichte etwas niedriger, trotzdem schmeckten die Moste konzentriert und intensiv. Hier gibt es in diesem Jahr drei Weine, von der trockenen dicken Kabinettqualität bis zur Auslese.

Die Weine haben sich gut geklärt, sind spontan angegoren und gären zum größten Teil noch langsam vor sich hin, wir werden sie wohl kurz vor oder nach Weihnachten abstechen.
Moderate Säurewerte, viel Extrakt, Reintönigkeit, jetzt schon Tiefe und Druck - kein Ausnahmejahrgang, aber einer, der das Maß wieder zurecht rüttelt, sowohl von der Menge als auch von der Qualität her.

Es ist, es war ein ungewöhnliches, vor allem ein ungewöhnlich warmes Jahr, selbst in unserem an sich kühlen Keller herrschten bis vor zwei Wochen noch so hohe Temperaturen, dass wir durch Bodenbenässung und Lüftung kühlen mussten.
Bis vorgestern hingen im Rheingau und am Mittelrhein überall in den Weinbergen noch reichlich Blätter an den Reben, dann kam zum Glück eine richtig kalte Nacht, und nun dürften sich die Stöcke in den Winterschlaf verabschiedet haben. Was bedeutet, dass wir mit dem Schneiden anfangen können und ein neuer Zyklus beginnt - nach der Lese ist vor der Lese.

Und keine Angst, nach so viel Weinbergsprosa gibt es auch etwas zu trinken. Denn wir konnten ein lang gegebenes Esseneinladungsversprechen wahr machen. Leider - aus Gründen - nur mit der Hälfte der erwarteten Gäste, aber wir haben ein Glas auf der Abwesenden Wohl getrunken und rechnen für das Nach-dem-Herbst-Essen 2015 fest mit ihnen.





Es gab ein einfaches, aufgebohrtes Essen rund um die tote Wildsau, sprich, Wildsaugulasch von der Rheingauer Wutz mit Vanillewirsing und Semmelknödelbuttermilchsoufflée im Zentrum nach einer klaren Steinpilzessenz (chakka!), Selleriegedöns nach Bushcook davor und noch vorher marinierten Saibling mit Gemüsekram und Wurzelchips. Danach ein Safraneis, Exotensalat und Orangenblätter und zum Schluss Salt&Pepper-Brownies.

Nix Experimentelles, gut vorzubereiten und bodenständig.
Und eigentlich nur der Anlass, was Anständiges zu Trinken auf den Tisch zu stellen. (Rezepte liefere ich auf Wunsch gerne nach).

Ich erspare Euch die Strecke (oder wollt Ihr???) und nenne nur zwei - persönliche - Highlights - Anfang und Ende, sozusagen. Beides sind übrigens Tropfen aus Gammel- und Arschjahren, das nur am Rande.

Vorweg - warum in die Ferne schweifen, wenn Kollegen sowas Schönes machen:

2006
Ratzenberger 
Spätburgunder Blanc de Noir brut
Sekt
13 %

In der Nase reife Walderdbeertöne, kräutrig, süßlich, nussig, würzig.
Auf der Zunge wieder Erdbeeraromen, Zitrus, weiche Nussaromen, saftig und schön trocken zugleich, das alles ungemein cremig mit viel Schmelz, dicht und fest und dabei sehr elegant, feines Mousseux, sehr gute Länge.
Chapeau! Ein großartiger deutscher Sekt, der sechs !!! Jahre auf der Hefe lag und sicher nicht nur in Deutschland in der Top-Liga mitspielt - toll gemacht, Jochen Ratzenberger!
(Und das Beste: Man kann ihn ab Hof noch kaufen!)

Nach diversen Rieslingen, Chardonnays, Spätburgundern und Bordeaux sowie dem einen oder anderen Piraten ging es zum Schluss noch mal nach Osten, genauer gesagt, ins Burgenland zu Bernhard Fiedler. Von dem hatten wir nämlich im Rahmen einer Blogger-Wichtel-Aktion und einer folgenden Weinkistentauscherei unter anderem eine Flasche

2006 
Grenzhof Fiedler
Beerenauslese
süß (ACH!)
13,5% 

bekommen. Ja, eine süße BA mit 13,5%.
In der Nase getrocknete Birnen, leicht bitter-nussig, etwas Waldboden und feuchtes Laub.
Auf der Zunge eher leicht im Stil, süßliches Dörrobst, schöne Würze, pilzige Noten, ordentlich Säure, viel Druck, schöne Länge.

Ein guter Ausklang eines einfachen Menüs, der Abend wurde dann noch etwas länger, aber davon bei Gelegenheit mehr.

Und nun hoffe ich auf viele Mitfahrer bei dieser Weinrallye, die ersten habe ich bereits gesichtet. Und freue mich besonders auf die nächste, die von unserer Mistress of Bordeaux, Susa, auf hundertachtziggrad ausgerichtet wird. Cheerio, old Sophie duck!

Mittwoch, 19. November 2014

Weinrallye #80: Herbst 2014 - Eindrücke, erste Bilanz, Meinungen


Der Nebel steigt, es fällt das Laub" ... das Laub hängt größtenteils immer noch, "dies ist ein milder Herbst, wie ich keinen sah", möchte man dichten, wir haben es Ende November und die ersten Fröste lassen zumindest hier immer noch auf sich warten.


Ende November, das heißt, der Monat neigt sich dem Ende und damit dem Weinrallyefreitag zu. Dieses Mal dürfen wir von Hauptsache Wein, also Lars und ich, Gastgeber für dieses Blogevent sein.
Als Anfang des Jahres mögliche Themen auf den (Wein/Blog) Markt geworfen und verteilt wurden, haben wir spontan zugegriffen, als das Thema "Herbstbilanz" auftauchte. Ende November, klar, da ist man wahrscheinlich im Großen und Ganzen mit der Lese durch und hat viiiel Muße, seine Gastgeberpflichten wahrzunehmen. Und dann kam alles ganz anders ...

Und das Thema birgt ja auch viel mehr Stoff als die reine Weinbergsjahresbilanz! Und das geht Weinfreaks, -liebhaber, -interessierte, -verrückte mindestens genauso viel an wie die Weinmacher.

Wie er denn ist und wird, der neue Wein, darüber wurde schon viel geschrieben und gelesen, gelegentlich auch ein bisschen kassandrisches Ge-Unke und euphemistisches Winzerlatein. Wie kommt das bei den Nichtweinmachern an? Was denkt Ihr über vorschnelle Jubelarien oder Grabgesänge? Wie war Euer Herbst, vom Wein mal abgesehen? Welche Früchte hat das Jahr getragen, wie reifen neue Gedanken und Projekte?
Ich sag's doch, das Thema hat es in sich!

Also: Am Freitag, dem 28.11., ist es so weit: Weinrallye #80 - Herbst 2014. Wir freuen uns über viele Mitstreiter! Die Regularien sind ganz einfach, den Beitrag bitte auf Facebook verlinken und am besten mit einer kurzen Nachricht an uns anmelden, dann können wir eine schöne Zusammenfassung erstellen.

Wir lesen uns am Weinrallye-Freitag!

Freitag, 31. Oktober 2014

Weinrallye #79: Wein genießen an schönen Orten

http://winzerblog.de/weinrallye-79-wein-trinken-an-schoenen-orten-4343/

Was für ein schönes Thema! Wein genießen an schönen Orten. Es geht, so klingt das für mich, ein bisschen weniger um den großen Wein als um den schönen Genussort.
Klar, der erste ... richtig gute Riesling ... Poujeaux ... Pétrus ... name it ... , den habe ich im sensorischen Gedächtnis gespeichert, und den Ort gleich dazu. Aber besonders schöne Orte, an denen man Wein wirklich genossen hat, die sind ihrerseits auch photograpisch ins Gedächtnis eingebrannt. Mir fallen da gleich mehrere ein. Der Einfachheit (aber auch der Bedeutung) halber erzähle ich darum eine Geschichte, die der eine oder die andere vielleicht schon mal gelesen hat, die aber für mich unvergesslich und unsterblich schön ist.


Lange ist es her ...

Wir waren jung, wir hatten Zeit, wir hatten ein Ticket für 398 Mark und vier Wochen vor uns. Und den klassischen Plan: Mailand, Venedig, Florenz, Rom, von Brindisi rüber nach Griechenland, Mykene, Athen, Istanbul und zurück.

Italien lief mäßig an, Venedig im Nieselregen (sehr authentisch), in Florenz kamen wir mitten in der Nacht im strömenden Regen an, bauten das Zelt an einem Abhang auf dem Campingplatz direkt an der Autobahn auf, nein, das war nicht wirklich schön.

Der nächste Tag versöhnte uns mit der schlaflosen Nacht, wir stromerten durch die Stadt, verliebten uns in die kalte Schönheit der Piazza delle Signoria, und liefen am späten Nachmittag hoch zur Piazzale Michelangelo.

Das ist ein Aussichtspunkt auf der anderen Arno-Seite, von dem man einen herrlichen Blick auf die Stadt hat, dort steht eine Kopie des David von Michelangelo, daher der Name.

Der Weg machte hungrig, und irgendwann wurde es dann auch Zeit fürs Abendessen. Nun muss ich sagen, dass unser täglich Brot in jener Zeit auf jener Reise äußerst frugal war. Um genau zu sein, es gab Weißbrot, Tomaten, Pfeffer und Salz, und Käse. Oder Tomaten, Käse, Pfeffer und Salz und Weißbrot . Oder …



So was hatten wir an jenem Abend im Daypack, eine Flasche Wasser, ein Messer, unser Alugeschirr, mehr brauchten wir nicht . Außer einem netten Plätzchen ... das wir vis-a-vis auf der anderen Straßenseite fanden.

Ein Kloster (im Rückblick … wohl eher eine Kirche!?), schöner Innenhof, keine „No Picknick“-Schilder, wir ließen uns auf einer Treppe nieder, breiteten unser kleines Mahl aus, ein Geschirrtuch als Tischdecke, und die Glocken läuteten. Und dann … erschien ein Mönch, und bedeutete uns wortreich und beredt gestikulierend, dass das Kloster jetzt die Pforten schlösse, ja, jetzt, und dass wir unser Abendessen gewiss nicht hier einnehmen könnten.

Also packten wir – ein bisschen traurig – Brot, Tomaten, Käse, Wasser, Salz und Pfeffer wieder ein, traten durch die Klosterpforte auf die Straße, und hinter uns fiel das eiserne Tor krachend zu, die Kette wurde vorgelegt, der Schlüssel gedreht.
Da standen wir nun, hungrig, ausgewiesen, und wieder auf der Suche nach einem netten Plätzchen. Wir wandten uns zu gehen, da hörten wir hinter der schweren Eisentür eine Stimme. Es war der Mönch, der uns eben noch hinausgewiesen hatte, er kam über den Innenhof auf die vergitterte Tür zugelaufen, rief und winkte.

In der Hand hielt er eine Flasche Rotwein, die reichte er uns durch das Türgitter, und ohne Italienisch zu können, verstanden wir: Die war für uns, für unsere Cena, unser Abendessen.

Und die haben wir uns dann auch geteilt, auf der Freitreppe der Piazzale Michelangelo, mit einem kitschig-schönen Sonnenuntergang und dem schönsten Blick über diese wunderbare Stadt.


Und der Wein? Ich weiß es nicht. Ich war zu jener Zeit Weinbanausin, ein Tignanello wird es nicht gewesen sein, aber dieses Gefühl von Glück, Geborgenheit und *Nach-Hause-Kommen* habe ich – vielleicht auch deshalb – oft bei toskanischen Weinen, und wenn es nur Einbildung ist.

Durch einen netten Zufall sein haben wir in diesem Jahr bei unserem Hauptstraßenfest einen Schweden kennengelernt, der in der weiteren Nachbarschaft wohnt, weinbegeistert ist, uns bei der Lese geholfen hat und uns vor zwei Tagen eine Flasche italienischen Rotweins vorbeigebracht hat, den sein Schwiegervater produziert - und für den er künftig verantwortlich zeichnen wird. Hobby, kein Nebenerwerb, ich werde nachtragen, um welche Region, welche Größe und überhaupt was sonst es geht.

Aber getrunken haben wir ihn, den Le Mura 2011, mit großem Genuss.

Das Etikett verrät nur, dass es eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Sangiovese ist.

In der Nase sauber, waldbeerfruchtig, leicht säuerlich, fleischig, Kräuter und dezentes Holz, ohne die vorlauten Cabernet-Sauvignon-Töne.
Auf der Zunge frisch und jugendlich, verhaltene Frucht, leicht süßlich. Passende Säure, harmonische Tannine, ordentliche Länge.

Kein großer, großer Wein, aber verdammt gut für absolut No-Name - und wenn ich wüsste, wo ich diesen Wein kaufen kann, würde ich das bei nächster Gelegenheit tun.

Skål!



Sonntag, 27. Juli 2014

Spritztour

Es ist das Wochenende der Spritztouren.

Gestern abend mal schnell nach Münchweiler, wo es neben dem Rundfunkmuseum auch ein wunderschönes Anwesen, die Klostermühle, gibt, Anlass: eine Hochzeit! Ja, die Leute machen so was immer noch, sogar nach vielen Jahren. Wunderschön bunt durchmischte Gästeschar, blendend gelaunte Gastgeber, viele reizende Kleinkinder, gute Musik, feines Essen und Trinken ... und ein viel zu früher Aufbrauch, weil heute Spritztour Nr 2 auf dem Programm stand.

Wortwörtlich. Den Rothenberg haben wir neulich nach Feierabend gespritzt, obwohl wir viel lieber ins Taubenhaus von Eva Rapps und Urban Kaufmann gegangen wären. Aber das läuft uns ja nicht weg, im Gegensatz zur Zeit, die wir im Weinberg verbringen müssen.

Also Spritztour in den Fürstenberg. Zum Glück bei angenehmen Temperaturen und etwas Wind. Das macht die Buckelspritze (425 Solo, 15 Liter, manuell) nicht leichter, die Arbeit aber etwas weniger unangenehm. Wir spritzen mit Netzschwefel (jaja, ich weiß, Wartezeit 55 Tage, wir haben es den 2. August, nun rechnet mal) und Kupfer, danach riecht man ... äh .. etwas streng. Und man ist hübsch gleichmäßig benetzt.

Unsere liebe Freundin Susa hat an anderer Stelle ja schon einmal beschrieben, wie derbe ich über Brombeeren und Dornen fluchen kann. Liebe Susa, Du hättest mich heute mal erleben sollen. Meine Spritze leckt, und so liefen mir schön gleichmäßig mindestens 1,5 Liter Spritzbrühe über den Rücken ins T-Shirt, den Rücken hinunter durch Hose und Unterhose bis in die Stiefel. Ok, ich bin jetzt gegen jegliche Art von Pilzen tiefenimprägniert (mein Autositz übrigens auch), aber schön ist anders.

Unsere Spritztour hatte auch noch ein anders Ziel: Der Eisenwarenhändler uV feierte 50jähriges Betriebsjubiläum. Mit persönlicher Einladung, persönlicher Rückmeldung (theoretisch) und Schnick und Schnack.
Frisch geschwefelt sollte man sich eher nicht unter Menschen begeben, also haben wir einen Zwischenstopp an der Quelle eingelegt - waschen, trocken, Kleider wechseln. Ab nach Bacharach! (Ich sag's mal so: Wahrscheinlich hätte es keiner bemerkt ...).

Bacharach, "Gummibahnhof". Auftritt: Der Inhaber, der uns strahlend für den schönen Artikel dankt, er habe erst jetzt ... Ich: "???". Der Hospitant: "???". Der Inhaber: "Internet! Und der Bürgermeister hat die Geschichte vorhin vorgelesen! Alle waren begeistert!"

Ich ... ahne ... da war was ... Himmel .. raune dem Hospitanten unauffällig zu: "Habe ich da irgendwelche kleinen Gemeinheiten abgefeuert?" Er: "Keine Ahnung. Wahrscheinlich schon." Danke, Du bist mir wirklich eine große Hilfe.

Im Laufe der nächsten Stunden bei Riesling, Bratwurst und Mokkacremetorte werden wir noch etliche Male auf diesen "schönen (Blog)Artikel" angesprochen - ausnahmslos begeistert. Da sage noch einer, Blogs lese ohnehin keiner.



Und auf dem Rückweg habe ich schnell noch mal selbst nachgelesen - nein, keine Gemeinheiten, einfach nur das echte Leben.

Zum Jubiläum hat André Heisecke nicht nur massenweise Blumen bekommen, sondern auch eine Schatzkiste mit 50 Weinen - zusammengetragen von der Vereinigung der Bacharacher Winzer. Jeder hat 2 Flaschen beigesteuert. Zum Öffnen der Kiste braucht man natürlich einen Schraubenzieher, der nur bei André Heisecke erhältlich ist.



Und es gab Reden und Gedichte. Von einem besonders launigen habe ich mir nur die letzten drei Zeilen notiert:
"... oder ist bei Dir ne Schraube locker
Geh zu André in sein' Laden
der hat ne Lösung für Dein' Schaden!"


Cheers!

Vorsichtig optimistisch

Nach dem Zwischenstand ist vor dem Zwischenstand. Die Weine sind gefüllt, wir haben AP-Nummern, wir haben neue Selbstklebeetiketten und die Weinguts-Homepage auf www.dalgaardundjordan.de umgestellt.

Wir haben gespritzt, wir liegen bei den Laubarbeiten gut in der Zeit. Und es sieht verdammt gut aus im Weinberg. Oder vielmehr in den Weinbergen, beiderseits des Rheins.
Es hängt viel, wir hatten keinen Hagel, wir haben keine Peronospora und keinen Mehltau. Wenn es halbwegs so weitergeht, fällt es schwer, den standesgemäßen Pessismismus zu bewahren.

So schön kann es gehen - hoffentlich geht es auch so weiter.



Donnerstag, 22. Mai 2014

Ab. Ge. Füllt.

Das war's!


Schluss, fertig, aus.

Der Jahrgang 2013 ist auf der Flasche. Fünf Weine, vom trockenen Ortswein (Martinsthaler) über zwei halbtrockene/feinherbe Lagenweine aus dem Martinsthaler Rödchen bis zu unseren Premiumweinen Rothenberg und Fürstenberg.
Keine große Menge, aber großer Trinkgenuss.

Eine mobile Füllanlage, ein wunderbarer, tiefenentspannter und unerschütterlicher Lohnfüller, zwei Freunde und wir.
Vier Stunden.
Viele viele leere Flaschen - zweieinhalb Paletten, genau gesagt.
1300 für die Premiumweine. Größer als die Standardflasche und mit 750 Gramm 50 Prozent schwerer.
Zweieinhalb Kartons Kapseln.



Für diejenigen, die es noch nie gesehen haben:




Die Flaschen werden am Anfang der Füllanlage (oben: links) auf ein Band gestellt, in die Anlage gefördert, in einem ersten Durchgang mit stark verdünnter schwefliger Säure sterilisiert und kopfüber ausgeschwenkt. Dann laufen sie in das Füllkarussel, werden dort mit Wein befüllt, im nächsten  Schritt wird von oben eine Kapsel aufgesteckt und dann festgedreht. Hinten (oben: rechts) werden die Flaschen aus der Anlage auf eine Ablage geschoben, von der man sie abnimmt und in Gitterboxen legt.

Mehrere Tonnen gefüllte Flaschen, die kistenweise vom Hof in die Gitterboxen im Keller gewuchtet werden mussten.





Ein rausgeschossener FI-Schalter, weil die Füllanlage auf unserem Buckelpflaster ein bisschen schief stand und zum Schluss doch Wasser in die Stecker tropfte.

Alles neu macht ...
Ein Ergebnis, auf das wir stolz sind.
Und neue Etiketten.

Mehr dazu und natürlich vor allem zu den Weinen in Kürze auf diesem Kanal und auf unserer Homepage.

Und nein, das Bild hängt nicht schief.

Donnerstag, 20. März 2014

Usselig? Hyggeligt! Æbleskivertid!

(Usselig - westfälisch/norddeutsch für eklig, unangenehm, unschön. Hyggeligt - dänisch für gemütlich, nett, warm, vertraut. Æbleskivetid - Aebleskiverzeit!!!)

Ich bin bekennende Winterhasserin. Gut, es muss nach einem langen goldenen Oktober auch mal kalt werden.
Meinetwegen.
Ist ja auch gut für die Natur. Und so.
Meinetwegen.
Weiße Weihnacht, Gänsebraten, Grünkohl, Rotweinfondue. Ein paar Tage klirrende Kälte, ordentlich Schnee und blauer Himmel.
Meinetwegen.
Dann ist es aber auch echt gut! So weit die Idealvorstellung.

Tatsächlich herrscht hier aber gefühlt von Mitte November bis mindestens !!! Mitte März graunasskaltes Matschepampeschlechtelaunewetter. Pfui. Mit ein bisschen Glück auch noch mit sibirischer Kälte und ewigem eisigen Nordostwind garniert. Doppelpfui.

Da trifft es sich gut, dass Bushcook zu ihrem Bloggeburtstag zu "Soulfood" aufruft. Wenn es draußen schon scheusslich ist, lässt es sich drinnen bei wärmendem, tröstlichen Essen deutlich besser aushalten. 

http://www.bushcook.de/2014/02/3-jahre-bushcooks-kitchen-gratulieren.html Soulfood, das ist für mich ...
Hühnersuppe, logisch. 
Spaghetti carbonara (OHNE Sahne).
Rührei mit Krabben.
Selbstgemachter (ach!) Kartoffelbrei mit brauner Butter.
Erbsensuppe mit Grießklößchen.
Ewig geschmortes Gulasch.
Alles wenig originell und wenig photogen.

Und, seit einigen Jahren, Æbleskiver.
Das fünfte oder sechste dänische Wort, das ich lernte, die unaussprechliche Köstlichkeit kannte ich schon vorher.
Æbleskiver, kleine, pfannenwarme Küchlein, ursprünglich mit Apfelstückchen gefüllt, gebacken in einer speziellen Pfanne, die der holländischen Poffertjespfanne oder dem deutschen Pendant für Pfitzauf oder (P)Förtchen gleicht. Gusseisen, sieben bis neun Löcher.
Eine relativ unsüße, dampfend warme Köstlichkeit, die wunderbar mit Puderzucker, Marmelade, Vanilleeis und einer nicht zu süßen Auslese harmoniert und mit der man unkompliziert Heerscharen gieriger Teenager abfüttern kann.

Das perfekte Wintersoulfood.

Was mich zum Winter zurück bringt, der keiner war.
Der Panther hatte schon im Oktober den denkbar dichtesten Winterpelz, aber ab Mitte Februar mühte er sich sichtlich, ihn los zu werden. Wir waren so früh wie noch nie mit dem Rebschnitt fertig, und so früh wie noch nie mit der Zeit im Nacken. Und so nutzen wir mit diesem Wochenende die wohl letzte Gelegenheit des ersten Halbjahres 2014, Wintersoulfood auf den Tisch zu bringen.

Æbleskiver fast nach Fräulein Jensen

Fräulein Jensen ist jedem Dänen ein Begriff, und vielen Deutschen auch, vor allem denjenigen, die sich in einem der großen deutschen Kochforen herumgetrieben haben. Ich bin durch besondere Umstände in den Besitz einer älteren Ausgabe dieses dänischen Standardwerks gelangt, das an den entscheidenden Stellen (Pankager/Aebleskiver/ Schweinebraten / Lammbraten ) gewisse Gebrauchsspuren aufweist. Erstaunlicherweise wirken die Seiten mit den vegetarischen (ok, damals hieß das "fleischlosen") Hauptgerichten geradezu jungfräulich.

Die Dessertabteilung ist dagegen ordentlich vollkleckert, Fettspritzer, Teigreste, alles, was das Herz begehrt. Und für fast jeden Klassiker mindestens zwei Grundvarianten, die wir aus Erfahrung in diesem Fall durch eine dritte ergänzt haben.
 
 



Æbleskiver III


200 g Mehl
2,5 TL Backpulver
1 EL Zucker
1 gute Prise Salz
200-250 l Schlagsahne
50 g geschmolzene, lauwarme Butter
4 Eier, getrennt
1 Messerspitze Vanillemark
feingeriebene Schale von 1/2 Biozitrone, besser: 1/4 Biozitrone und 1/4 Bioorange
ein beherzter Schuss Orangenlikör

zum Servieren
Puderzucker
Marmelade (gerne gute Orangenmarmelade)
Vanilleeis
etcpp.

Mehl, Backpulver, Zucker, Vanillemark und Schalenabrieb mischen, mit den Eigelben und der Butter sowie etwas mehr als der Hälfte der Sahne und dem Likör verrühren. Eiweiß mit Salz steifschlagen und unterziehen. Ggf so lange mehr Sahne unterrühren, bis die Masse etwas flüssiger als ein normaler Rührteig, aber deutlich fester als ein Pfannenkuchenteig ist.

Die Backform mit ganz wenig Butter auspinseln, erhitzen, in jede Mulde bis ca. 4 mm unter den Rand Teig einfüllen. Bei mittlerer Hitze backen, die Teigstücke mit Hilfe einer Gabel wenden, wenn die Kruste unten fest genug geworden ist und der Teig oben nicht mehr flüssig ist. Fertig backen, auf einem Teller im Ofen bei 80 Grad warmhalten, bis der gesamte Teig verbacken ist. Warm servieren, sofort essen und entweder eine Tasse echte heiße Schokolade oder ein Glas Auslese dazu genießen.

Das macht glücklich, Glückwunsch!

Dienstag, 17. Dezember 2013

180° Adventskalender: Nach Diktat verreist

http://hundertachtziggrad.blogspot.de/ Tannenzweige. Rote Kerzen. Plätzchenteller. Gänsebraten. Glühwein. Volle Innenstädte, Weihnachtsmärkte. Wunschzettel, Geschenke! Und, meinetwegen, Schnee. Das ist Advent, das ist Weihnachten. 
Und nichts, aber auch gar nichts davon habe ich mir dieses Jahr angetan. Nichts dekoriert, keinen einzigen Keks gebacken, die paar “Geschenke” in der Buchhandlung mV bestellt, fertig. Weihnachtlich ist mir trotzdem, denn zu Weihnachten gehört, neben all dem Schnickschnack, musikalisch klebrigsüß aus der Retorte untermalt, das Reisen.
So wie die Weihnachtsgeschichte eigentlich auch die einer Reise ist, alle reisen sie, das Paar, die Hirten, der Stern, die Könige, die einen kürzer, die anderen länger, und sie kommen an und feiern.


Solange ich denken kann, sind wir zu Weihnachten quer durch Frankreich und Deutschland gefahren. Nicht wirklich verreist, bewahre, aber ein, zwei Tage vor dem Fest wurde das Auto bis unters Dach vollgepackt und dann brach die Familie - unsere Eltern, wir zwei Kinder, ein, zwei Katzen - auf, um “nachhause” zu fahren, nach Bothfeld und Isernhagen, wo die Großeltern wohnten.
Lange Fahrten waren das, anfangs fast 1100 Kilometer, mehr als zehn Stunden. Wenn wir ankamen, war es schon dunkel, aber meine Großmutter hatte eine Topf ihrer legendären Hühnersuppe auf dem Herd, schlaftrunken setzten wir Kinder uns auf die alte, plastikriffelrot bezogene Eckbank und löffelten die herrliche heiße Suppe. 

Und so ging es weiter, die anderen Großeltern wollte besucht werden, wattegraue Tage, Kaffeetrinken im plüschigen winzigen Wohnzimmer von Omma und Oppa, riesige gestickte Gobelins an den Wänden, üppig wuchernde Orchideen auf der Fensterbank und ein Telefon in gehäkelter Schutzhülle auf dem Tischchen im Flur, eine Reise in eine andere Welt. Zu später Stunde stieg Oppa hinab in den Keller, um eine Flasche seines geliebten Frankenweins zu holen, und wir Kinder liefen mit, sprachlos angesichts der Schätze, die dort in seinem "Büro" lagen - selbstgebastelte Lampen aus leeren Bocksbeutelflaschen, Briefpapier aus Birkenrinde, bemalte Baumwurzeln und seltene Steine.
Und nach Weihnachten wurde das Auto wieder bepackt, diesmal noch voller, und es ging zurück nach Hause, ins andere Zuhause. Dass das Ziel und das Wunderbare dieser Weihnachtsreisen gar nicht so sehr das Ankommen war, habe ich erst viel später gespürt.


Reisen sind für uns Geschenke, und zwar ganz wunderbare, weil wir meist vorher nicht genau wissen, was uns erwartet. Vor zwei Jahren haben wir uns kurzentschlossen im September ins Auto gesetzt und sind 1100 Kilometer nach Süden gefahren, in mein geliebtes Chianti Classico.
Auf der Fahrt gerieten wir in einen heftigen Wintereinbruch und schlichen den Brennerpass durch 20 Zentimeter Neuschnee hoch - natürlich mit Sommerreifen -, während rechts von und reihenweise die Bäume unter der Schneelast über die Bahnstrecke knickten. Mehr als abenteuerlich, diese Fahrt, und am Ziel erwartete uns herrliches Spätsommerwetter. Wir haben in einer winzigen Pension gehaust, Weingüter besucht, eine knappe Woche nur, aber reiche, volle Tage, einzigartig, unbestellbar, unbezahlbar.
In diesem Jahr sind wir kurz vor der Adventszeit eher zufällig in die Planung für ein Wildschweinessen an der Mosel hineingerutscht. Ein gutes Dutzend Leute, von denen wir nur zwei kannten, alles Weinmacher und -menschen, ein großes Weingut mit Übernachtungsmöglichkeit, die Aussicht auf gutes Essen und große Weine, ein Wochenende Anfang Dezember. Eine Reise, eine kurze, aber vielversprechende.
  Es wurde, um es kurz zu machen, ein großartiger Abend mit einem großartigen Gastgeber - Danke, Gernot! - und unglaublich freundlichen, offenen, interessanten Mit-Gästen. An diesen Abend werden wir uns noch lange erinnern, wenn wir längst vergessen haben, was es diesmal zu Weihnachten an Geschenken gab. Diese Reise, dieser Abend - ein großes Geschenk, eins von denen, die man sich nicht selbst machen kann, weil es dazu anderer bedarf.
Uns erwartete nach dem Aperitif in der Küche eine lange, festlich gedeckte Tafel, ein kleines Menü aus nussigem Rotkohlsalat vorweg, phantastischem Wildschweinrücken mit Grünkohl, Sauerkraut und würzigem Aligot, zum Abschluss Crème bavairoise mit marinierten Orangenfilets. 



Getrunken wurde neben mitgebrachten Schätzen wie diversen Champagner- und Sektflaschen vor allem Pinot Noir, große Namen standen da auf dem Tisch, aber beeindruckt hat mich vor allem einer, einer der ersten.




2007er Spätburgunder Auslese trocken
Graacher Himmelreich
Barrique
Weingut Günther Steinmetz 
13,5%

Reife, kühle Frucht, Schwarzkirsche und dunkle Beeren, leicht süßliches, gut eingebundenes Holz.

Mineralische Unterlage, spürbare Säure, ordentliches Tanningerüst, alles sehr fest und straff, gute Länge. Ein Wein, der sich einprägt, der einzige, den ich am Tisch mit dem Handy photographiert habe, daher die mäßige Bildqualität.

Über die Spätburgunder von Stefan Steinmetz wurde ja in den letzten ein, zwei Jahren schon viel geschrieben. Ich habe Weine und Winzer erst jetzt kennen gelernt und bin - beeindruckt.

Kaufen kann man den 2007er nicht mehr, für sehr empfehlenswert halte ich aber (u.a.) den 2009er Kestener Herrenberg Spätburgunder unfiltriert. 

Und für alle, die mich und uns kennen und sich wundern, dass es hier nur um Rotwein geht: Natürlich haben wir spätabends auch noch Reparaturriesling getrunken.

Reparaturriesling, den packen wir auch ein, wenn es demnächst wieder auf die Reise geht. Weihnachtszeit ist Reisezeit, immer noch und immer wieder, es geht weit nach Norden, wieder 1100 Kilometer. Und wieder wollen Familie und Freunde besucht und beglückt werden, wieder werden wir viel unterwegs sein. Auf der Hinfahrt machen wir Station bei einer lieben Freundin, die wir - wenig überraschend - auf einer dieser halbspontanen Wochenendreisen mit ungewissem Ausgang kennen gelernt haben, nachhause geht's - wie vor vielen Jahren - über Bothfeld und Isernhagen. Auf lange Sicht ändert sich gar nicht so viel.

Und, ja, wir nehmen sicher auch ein paar Geschenke mit, aber was wir bekommen und mit zurücknehmen, lässt sich nicht in Glanzpapier wickeln und unter den Baum legen. Und so langsam freue ich mich auf die Reise - es wird Weihnachten.

Montag, 14. Oktober 2013

Nach dem Regen ist vor dem Regen ist vor der Lese

Und wieder mal: nach dem Rechten schauen. "Unsere" Parzelle im Rauenthaler Rothenberg hat im unteren Bereich schon einiges an Fäulnis, da gehen wir die Woche noch mal durch.




Der Nachbar hat jetzt auch mit der Lese begonnen, sauberes Material, die Weinberge sind extrem gut gepflegt. Es gibt aber auch Winzer, die jetzt schon mit der Lese durch sind - und die haben keinen Müller-Thurgau, sondern Riesling und Spätburgunder im Sortiment. Schon seltsam, die Vollernter frühmorgens im strömenden Regen in den Weinbergen fahren zu sehen. Wobei: Wie sagte der Nachbar so schön - wenn ordentlich Wasser mitgelesen wird, gibt's mehr Menge und weniger Säure. Ok, so kann man das auch sehen. Er sagt es übrigens nur, macht es aber nicht ;-). Kommendes Wochenende sind seine kleinen Handleseflächen dran, da sind wir natürlich dabei.


Am Mittelrhein ist die Lage noch sehr viel entspannter, der Wingert zum Bach runter sieht ziemlich gut aus, und oben hängen die Trauben auch noch absolut gesund. Die Arbeit, die wir im September in den Weinberg gesteckt haben, hat sich gelohnt. Aber auch da sind einige Winzer schon weitestgehend durch - und von Selektion kann da keine Rede sein.

Natürlich redet es sich leicht, wenn man nur eine kleine Fläche selbst bewirtschaftet und nicht in Vollerwerbsdimensionen denken muss - und ich ziehe meinen virtuellen Hut vor den Winzern, die das im großen Stil machen und selektionieren und perfektionieren. Wie das aussieht? Schaut selbst:



Doch zurück zu uns und unserem Riesling.
So sah es am Sonntag aus.



Es reicht jetzt allerdings mit dem Regen! Wirklich! Ein paar sonnige Tage wären mehr als gut.

Den Rothenberg holen wir kommendes Wochenende.





Am Mittelrhein lesen wir die Woche drauf.

Wir haben nicht mehr ewig Zeit - und trotzdem das Glück, dass der Nachbar, dessen Infrastruktur wir nutzen dürfen, genauso spät dran ist.

Und: Wir dürfen unseren dornröschenschlaferweckten schönen alten Gewölbekeller weiter nutzen. Was für ein Glück.

Dienstag, 30. Juli 2013

Es ist ...

... ein Teller! Jetzt wird's ernst. Dabei hat der Praktikant es ja vorab schon verkündet, aber je näher das prognostizierte NiederkunftsAnkunftsdatum rückte, desto nervöser wurden wir.
Dann landete das Päckchen auch noch zunächst im Nachbarhaus und erreichte uns mit Verzögerung, kurzum, eine schwierige Geburt.

Aber dann! Vorsichtig auspacken, nicht, dass das gute Stück Schaden nimmt. 

Feines Oma-Porzellan. Auf der Fahne üppige Bauernmalereiblüten. In der Mitte Streublümchen. Geschwungener, goldverzierter Rand. 
Zwei Henkelgriffe, eigentlich kein Essteller im eigentlichen Sinne, mehr eine Platte zum Servieren feiner Speisen. Petra Hildebrand hat den Teller "ausgegraben" und auf eine Reise mit ungewissem Verlauf und Ausgang geschickt. Klar ist nur: Dieser Teller ist eine Bühne. Für wunderschöne Kreationen wie Forelle mit Pfifferlingen, eine grundsolide Weißwurschtjause mit guter Brezel oder einfach ein paar allerliebste Eclairs.

Lange haben wir überlegt, was diesem Teller angemessen wäre. Eigentlich ein richtig schönes altmodisches Omagericht - Königsberger Klopse oder Rinderrouladen. Oder Gulasch. Also lauter Leibgerichte, die fotographiert eine ähnlich gute Figur machen wie ein Teller Haferschleim (auch ein Omagericht). Suppe aus frischen grünen Erbsen mit Grießklößchen wäre noch eine Idee gewesen (sieht auf einem flachen Teller aber Panne aus) oder meine geliebte Rote Grütze.

Die darf ich nicht kochen, weil der Hospitant nicht nur den Schwarzen Gürtel im Smørrebrødmachen hat, sondern auch amtierender Rheingauer Meister im Dessertmachen ist. Und dieses Mal will ich kochen. 
Petit fours, so kleine Köstlichkeiten, mit Zuckerguss und Silberperlchen verziert, das wäre was, aber als staatlich anerkannte Backniete traue ich mich da nicht dran. Das können andere besser!

So hübsche Nebeneinanderschnörkeleien  (wie sie der Praktikant in Formvollendung ausgarniert) sind nicht mein Ding - ich bewundere die Tellerkunst gerne, neige aber doch eher zu etwas rustikaleren und pragmatischeren Umsetzungen.

Irgendwas mit Blüten wäre nett. Rosen-Melonen-Salat? Auch nicht gerade photogen.

Die Sonne brennt, mein Hirn fühlt sich total leer an, und beim Einkaufen springt mich ein Schälchen allerliebster aromatischer Kirschtomaten an. Da war doch was - Tomaten, Maishuhn, Lavendelhonig, bei Arthurs Tochter entdeckt und viel zu selten nachgekocht. Und Lavendelblüten machen sich da auch noch gut, da haben wir doch unsere Blümchen. Und, wie der Zufall es will, im heimischen Eis schlummern noch vier Maispoulardensuprêmes ...

An den Herd, Marsch-Marsch. Beziehungsweise - an den Kühlschrank, denn bei aller Begeisterung habe ich überlesen und verdrängt, dass die Brüstchen mariniert werden müssen. Auch fein, gibt es eben Brot mit Höhlenkäse als Abendessen. Und dazu die Tomaten, roh. Ich notiere: Neue kaufen!

Und am Ende eines weiteren Tages ...


 
Das Originalrezept stammt aus dem wunderbaren Kochbuch "Tomate", Collection Rolf Heyne. Nicht mehr ganz neu, aber absolut empfehlenswert.

Huhn mit Lavendelhonigglasur auf Schmortomaten

Meine Version sieht so aus:



Gewürzmischung
  •     1/2 El Fenchelsamen
  •     1 TL Koriandersaat
  •     2 Gewürznelken
  •     4 Pimentkörner
  •     5 schwarze Pfefferkörner
  •     1/2 frisches Lorbeerblatt
  •     1 TL Paprikapulver
  •     1/2 EL frischer Thymian
  •     1/2 TL wilde Fenchelblüten
  •     1/2 TL Lavendelblüten
Die ersten sechs Zutaten (bis einschl. Lorbeer) trocken anrösten, abkühlen lassen. Dann alle Zutaten fein mörsern bzw. mahlen.

Glasiertes Huhn

  •     1 Freilandhuhn, ca. 1,3 Kg - hier: vier Maispoulardensuprêmes à 150 g
  •     Salz
  •     4 Esslöffel Armagnac - hier: ordentlicher Schuss
  •     800 g Tomaten - hier: 400 g Kirschtomaten
  •     50 g Salzbutter - hier: aus dem Handgelenk, nicht gewogen
  •     250 g Lavendelhonig - hier: ca. 100 g
  •     2 EL Sherryessig - hier: 2 EL TBA-Essig (aus eigener Produktion, beiseite gestellt und eigentlich gedacht zum Auffüllen beim Filtrieren und dann vergessen ... guter Stoff!)
  •     frische Lavendelblüten
  •     frische Wildfenchelblüten
Die Geflügelteile trockentupfen, salzen, mit der Gewürzmischung bestreuen und in eine dicht schließende Kunststoffdose legen, mit dem Armagnac übergießen. Im Kühlschrank mindestens 6 Stunden marinieren, ab und zu wenden - hier: 20 Stunden.

Eine halbe Stunde vor der Zubereitung aus dem Kühlschrank nehmen, abtropfen lassen. Die Teile in eine Auflaufform oder Fettpfanne legen. Die Tomaten waschen und dazulegen, die Geflügelteile mit Butterflöckchen belegen.
Im vorgeheizten Backofen bei 160° C ca. 20 -30 Minuten braten.

Essig und Honig in einem Töpfchen erwärmen, bis der Honig flüssig wird, restliche Gewürzmischung dazugeben - hier: vergessen, ist alles am Huhn - und die Geflügelteile dünn damit bestreichen. Temperatur auf 180° C erhöhen, Glasiervorgang 2-3 mal wiederholen, insgesamt dauert das 5-8 Minuten. Evtl. zum Schluss den Grill zuschalten.
Ofen ausschalten, Tür leicht öffnen, 5 Minuten ruhen lassen.

Eine Portion auf einem schönen Teller anrichten, mit geschmorten Tomaten, Bratenjus, Lavendelblüten und wilden Fenchel ausgarnieren. Oder einfach nur unfallfrei drapieren.

Puh, das hat geklappt. Der Teller ist bereits gespült und geht morgen auf die Reise zu Torsten Goffin von "Allem Anfang", den wir zunächst über ein Bloggerevent und dann bei einer wunderbaren Session beim Vinocamp 2013 kennen lernen durften.

Und noch ein kleiner Tipp an alle Tellerreisenden, die - wie wir - das Paket so knapp wie möglich öffnen, um die perfekte Schutzverpackung nicht zu beschädigen - auf der (in diesem Falle) anderen Seite liegt ein Blatt mit den Spielregeln, auf dessen Rückseite man unterschreiben kann ... wenn man es in letzter Sekunde findet.

Die Tassen hoch! Es lebe der Teller!